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ÜBER ANTICHRISIS
Glaubt ihr, daß ihr mit der Musik von ANTICHRISIS bestimmte Mißstände anprangern könnt und vielleicht sogar solltet?
Sid: Natürlich! Wenn ich das Thema Kindesmißhandlung (wie in "Goodbye to Jane") aufgreifen will, warum nicht? Allerdings war für Themen dieser Art auf "A Legacy of Love" vom Konzept her leider kein Platz. Nichtsdesdotrotz kann Musik als Mittel, um soziale oder politische Mißstände anzuprangern, gebraucht werden und diesbezüglich auch Einiges bewirken. Ich halte überhaupt nichts von den Statements einiger Musiker, die die Meinung vertreten, Politik habe nichts in der Musik zu suchen. Es gibt meiner Meinung nach ganz hervorragende politische Songs oder auch Bands wie z. B. Rage against the Machine - was immer man auch musikalisch von ihnen halten mag. Doch wenn ich Interviews mit Mitgliedern von RATM lese, merke ich schon, daß sehr viel persönliches Engagement hinter dieser Band steckt und davor haben ich grossen Respekt.
Kommentiere doch mal folgende Aussage: "ANTICHRISIS ist ein durch und durch kommerzielles Produkt. Die kalkulierte Mischung aus Gothic und folkloristischen Klängen ist derzeit voll im Trend. In den Interviews geben die Musiker scheinbar tiefschürfende Antworten mit Pseudoanspruch, so daß der Eindruck entsteht, es handle sich um ein ehrliches Projekt ohne kommerzielle Absichten, doch in Wirklichkeit ist alles eine durchkalkulierte Anbiederung an den Massengeschmack!" Was würdest Du einer solchen Aussage entgegenhalten?
Sid: Gegen eine solche Aussage habe ich im Prinzip nichts einzuwenden, denn ANTICHRISIS verfügt nun mal über ein gewisses kommerzielles Potential, da ich stets Wert auf Melodik und Nachvollziehbarkeit meiner musikalischen Entwürfe lege: So komplex manche Songs auch erscheinen mögen - ihre einzelnen Bestandteile bleiben immer nachvollziehbar! Im Grunde genommen mache ich nur Pop-Musik mit etwas anderen Mitteln: Selbstverständlich ist diese Art von Musik kalkuliert im Sinne von "durchdacht": Ich überlege mir beim Arrangieren der Stücke genau, welche Teile wie ineinandergreifen, welchen Part ich mit welchen stilistischen Mitteln am Besten umsetzen kann, denn ich bin kein Freund wüsten Durcheinanders nur um der Vielfalt willen!
Trendy? Mag sein - doch ich alleine vermag keinen Trend zu kreieren, und die Musik, die ich mache, würde ich auch dann noch machen, wenn sie absolut "out of time" wäre. Wenn dieser Stil im Moment angesagt sein sollte, um so besser, denn dieser Umstand würde eindeutig die Chance erhöhen, so viele Tonträger wie möglich zu verkaufen - immerhin würde ich gerne von meiner Musik leben können, doch um dieses Ziel zu erreichen, sollte ich vermutlich mit jedem Album die musikalische Formel von "Cantara Anachoreta" wiederholen, anstatt nach neuen Ausdrucksformen zu suchen!
Vermeintliche Ehrlichkeit und Pseudoanspruch? Die Musik von ANTICHRISIS spiegelt eben meine Persönlichkeit mit all ihren Facetten wider, und in Interviews gebe ich mich so, wie ich bin - wenn dies jemand als Marketingmasche empfindet, kann ich das nicht ändern, ist aber letztendlich auch nicht mein Problem!
Und was sagen eigentlich Begriffe wie "trendy" oder "kommerziell" über die eigentliche Qualität von Musik aus? Ist Musik etwa nur so lange "gut", wie sie von einem möglichst kleinen und exklusiven Kreis von Insidern gehört wird (dann müßte im Umkehrschluß Musik immer besser werden, je weniger Menschen sie hören)!? Wird ein Song etwa automatisch dadurch schlecht, daß er populär wird oder in die Charts gelangt? Ganz so einfach ist die Sache nicht....doch wer Musik nach solchen Maßstäben beurteilt, dem geht es sowieso nicht um die Musik selbst, sondern darum, pseudo-elitäre Nabelschau zu betreiben - und wird dadurch genau so manipulierbar wie jeder herkömmliche Boygroup-Fan....
Gebt ihr eigentlich gerne Interviews, oder seht ihr das nur als lästige Verpflichtung? Weshalb umgibt sich ANTICHRISIS mit der Aura des Geheimnisvollen?
Sid: Wenn die Fragestellung interessant ist, beantworte ich Interviews durchaus gerne; werden dagegen nur die üblichen Standardfragen gestellt, ist es natürlich eher langweilig, weil man zum x-ten Male ein- und dieselben Statements von sich gibt. Ansonsten sind Interviews wahrscheinlich für jede(n) MusikerIn eine zweischneidige Angelegenheit, denn u. U. geht für die Beantwortung derselben sehr viel Zeit drauf, die man lieber für das eigentliche Musikmachen verwenden würde. Doch natürlich will man den eigenen Bekanntheitsgrad erhöhen, und somit gehören Interviews zum täglichen Brot in der Musikbranche - dementsprechend sollte man sich entsprechend Mühe damit geben!
Ich habe eigentlich nie beabsichtigt, ANTICHRISIS mit der Aura des "Geheimnisvollen" zu umgeben: Mir geht es lediglich darum, meine Musik nicht über irgendein festgelegtes Image zu verkaufen, sondern jede Art von Assoziation zuzulassen. Ich möchte vermeiden, daß ANTICHRISIS in irgendeine Schublade gesteckt wird.....
Warum gibt es von euch eigentlich nur so wenige Interviews zu lesen? Redet ihr nicht gerne über euch und eure Musik, oder lese ich einfach nur die falschen Magazine? Welche Art von Interviews bevorzugt ihr generell - schriftliche, telefonische oder persönliche? Das gleiche gilt übrigens auch für Fotos - auf keiner eurer Veröffentlichungen gab es bisher welche, lediglich zur letzten CD gab es zu einigen Interviews eine Fotografie zu sehen. Eine Band wie DEAD CAN DANCE z. B. argumentiert hier so, daß immer die Musik im Vordergrund stehen sollte und deshalb die Band bzw. die Personen unwichtig sind. Würdest Du ihnen zustimmen?
Sid: Fotos oder Interviews haben für mich nichts mit der eigentlichen Musik zu tun, sondern dienen lediglich der Schaffung eines Images, an dem sich wiederum die Hörerschaft orientiert, was eigentlich idiotisch ist, denn Musik sollte immer für sich selbst und losgelöst von allen sonstigen Faktoren sprechen.
Ich finde Interviews grundsätzlich dann interessant, wenn sie mich zum Nachdenken zwingen und ich nicht einfach irgendwelche Standardantworten abspulen muß. Wenn ich selbst dabei noch hinterfragt werde, um so besser! Persönliche Interviews sind mir diesbezüglich am liebsten, weil sich aus ihnen noch am ehesten ein Dialog entwickeln kann, doch an sich kommt es wirklich auf die Qualität der Fragen an und darauf, wie stark sich der Interviewer mit der Arbeit des Befragten beschäftigt hat!
Fotografien? Presse und Hörerschaft verlangen danach, mir selbst sind sie eher unwichtig, denn ich weiß ja, wie ich aussehe und - an dieser Stelle teile ich die Einstellung von Dead Can Dance - es lenkt u. U. von der Musik ab, weil durch jedes Bild sofort eine optische Kategorisierung durch den Betrachter vorgenommen wird. Daher versuche ich, die Cover von ANTICHRISIS so zu gestalten, daß sie nicht unbedingt Rückschlüsse auf die Musik zulassen und dennoch eine harmonische Einheit mit ihr bilden!
Näx: Ich persönlich gebe am liebsten persönliche, telefonische oder schriftliche Interviews, wobei letztere den einzigen Vorteil haben, daß ich sie beantworten kann, wann ich will. Auch wenn ich lieber Musik mache, rede ich auch darüber oder über mich. Wenn's die Menschen interessiert sollen sie ruhig zu Hauf losfragen und die Antworten abdrucken. Ich sperre mich nicht gegen Interviews oder Fotos und schon gar nicht mit dem Argument, daß die Musik im Vordergrund stehen sollte. Schließlich steht, vielmehr klingt Musik ja nicht nur für sich allein, sondern sie wird von Menschen vermittelt und hörbar gemacht, die dies aus einem bestimmten Grund und in einer bestimmten Stimmung und in einer Bestimmten Art tun. Möchte ein Hörer nicht nur wissen, daß eine Musik so klingt wie sie klingt, sondern auch, warum sie so klingt, so ist er auf Informationen über die Musiker und am besten auf Informationen von den Musikern selbst angewiesen. Solche Auskünfte erweitern das Verständis für die Musik um solche Aspekte, die sich gerade nicht durch den Klang alleine vermitteln lassen.
Sid: Tja, da hat er nun auch wieder recht....
Dragonfly: Nun, ich bin noch nicht so lange dabei und hatte weniger Gelegenheit, Interviews zu geben, aber nach allem, was ich so mitbekommen habe, sind ausschließlich Metal-Magazine an ANTICHRISIS interessiert (schwerer Fehler!) und somit sind nur in einer begrenzten Anzahl von Magazinen Interviews von uns erschienen - sonst würde frau wahrscheinlich öfter etwas über ANTICHRISIS lesen.
Was die Fotos betrifft, so kann ich mir nicht vorstellen, in irgendeinem Zimmer in Lebensgröße zu "hängen" - ich habe diese Art Anbetung noch nie verstanden - frau hört doch die MUSIK. Gegen Bilder von Liveauftritten oder von Studioarbeiten habe ich gar nichts einzuwenden.
A LEGACY OF LOVE
Mir fiel auf, daß "A Legacy of Love" sehr viel folk-orientierter ist als euer Debüt-Album, besonders in Bezug auf den irischen Dudelsack. Wie genau seid ihr auf die Idee gekommen, gerade dieses Element vorrangig zu verwenden? Und woher kommen die vielfältigen Einflüße?
Sid: Da ich die Stücke für ANTICHRISIS grundsätzlich auf der akustischen Gitarre komponiere, ist es naheliegend, daß sich dabei schnell eine folkloristische Note einschleicht: Die E-Gitarre spielt auf "A Legacy of Love" keine grosse Rolle bzw. wird (von einigen Soli abgesehen) nur an wenigen Stellen zur Untermalung eingesetzt. Tja, und da Näx ein hervorragender Piper ist, der den Dudelsack genau so spielt, wie ich es mir vorstelle, ergibt sich aus dieser Kombination automatisch ein stärkerer Folk-Einfluß....
Ich liebe den irischen Dudelsack wegen seiner natürlichen Klangfarbe: Richtig gespielt bringt er diesen klagenden und sehnsuchtsvollen Ton zustande, der genau zur Musik von ANTICHRISIS paßt - und darüber hinaus finde ich es vom Konzept her interessant, diesem traditionellen Instrument die Funktion zuzuteilen, die normalerweise - zumindest in der Rockmusik - die E-Gitarre inne hat. Nimm z. B. einen Song wie "Baleias": In der Version auf dem Debut-Album war das Stück noch vom E-Gitarren-Sound dominiert, während er in der neuen Version auf "A Legacy of Love" lediglich mittels akustischer Instrumenten vorgetragen wird - und trotzdem wirkt der Song in der Neufassung dynamischer, weil er vom rhythmischen Gerüst her wie ein traditionelles irisches Tanzstück gehalten wurde....es gibt eine solch reichhaltige musikalische Tradition in der irischen Musik, von der ich mich nur zu gerne inspirieren lasse.
Die vielfältigen Einflüße in der Musik von ANTICHRISIS kommen daher, daß ich beim Verfassen eines Songs niemals einer bestimmten Vorstellung folge: Manchmal bin ich selbst überrascht, in welche Richtung sich ein Stück entwickelt. Doch ich selbst bestimme nie, wie die Umsetzung zu geschehen hat: Jeder Song wählt seinen eigenen Weg, indem sich der Inhalt die passende Form sucht - und diese Arbeitsweise verhindert, daß ANTICHRISIS auf einen bestimmten Stil festgenagelt werden könnte. Zwar finden sich bei ANTICHRISIS Elemente von Gothic, Dark Wave, Folk, Metal, Grunge usw., doch kann unsere Musik niemals auf lediglich eine dieser Spielarten reduziert werden; und sie ist auch weit davon entfernt, lediglich einen Crossover darzustellen, weil jedes dieser Elemente nur dann zum Einsatz kommt, wenn es der Logik des jeweiligen Songs folgend auch seine Berechtigung hat....das alles klingt jetzt vermutlich ziemlich kopflastig, ist aber im Grunde genommen ein organischer Prozess, der es mir erlaubt, mich eines äußerst breiten Spektrums unterschiedlichster Stilistiken zu bedienen.
Näx: Die Songs des neuen Albums sind von der Anlage her folkiger, weil der unverzerrte Klang der Instrumente den meisten Stücken gerechter wird als ein Metal-lastiger Sound. Die klangliche Veränderung hat ihren Grund aber auch darin, daß der Inhalt der Stücke ein anderer ist als auf "Cantara Anachoreta". Wo es paßte, haben wir E-Gitarren & Distortion eingesetzt, aber ein Stück wie "Dancing in the Midnight Sun" würde im reinen Metal-Gewand wohl kaum wirken. Das Folk-Feeling wird schließlich dadurch verstärkt, daß wir auch folkloristische Instrumente wie irischen Dudelsack, Flöten oder Mandoline einsetzen. Zum Einen bauen wir traditionelle irische Stücke in die Songs ein, zum Anderen nutzen wir den "folkigen" Klang der Pipes, um damit Soli oder Begleitungen zu spielen, die sonst normalerweise die E-Gitarre übernimmt.
Die Songs auf "A Legacy of Love" klingen gefühlsbetont und mitreissend zugleich - wer ist bei euch für die Musik verantwortlich?
Näx: Verantwortlich für die Songs ist bei uns Sid. Bevor er die Stücke schreibt, erlebt er sie erst mal - das ist auch der Grund, warum die Musik so gefühlsbetont ist. Wenn das Gerüst eines Stückes steht, wird es gemeinsam ausgebaut und weiterentwickelt. Wir lassen uns mit dem Arrangieren genügend Zeit, damit das, was durch das Stück vermittelt werden soll, auch hörbar wird.
Sid: Vielleicht ist das, was ANTICHRISIS am meisten von vielen anderen Bands unterscheidet, einfach der Umstand, daß es bei uns nicht um irgendwelche erfundenen Geschichten, übernommene Klischees oder aufgesetzten Images geht, sondern daß sich in den Songs meine Gefühlswelt völlig unverstellt präsentiert. Durch die Musik trage ich mein Innerstes nach Aussen. Jeder, der meine Musik hört oder meine Texte liest, hat praktisch direkten Zugriff auf meine innere Erlebiswelt. Noch direkter, verletzbarer und offener als in meinen Songs kann ich im Grunde genommen nicht mehr werden, und diese Direktheit kann die Zuhörer bei entsprechender Bereitschaft, für die Dauer eines Songs meine Welt zu betreten, natürlich stark berühren: Ich lasse die Zuhörer ohne jegliche Zensur oder Selbstschutzmechanismen an allen Höhen und Tiefen, die ich durchlebt habe, teilnehmen.
Was den ausschließlich handwerklichen Aspekt von ANTICHRISIS betrifft, so gebe ich diesbezüglich quasi den Rahmen vor, innerhalb dessen sich Näx und Dragonfly allerdings völlig frei bewegen können. Zwar schreibe ich die Songs und lege dadurch die grundsätzliche Richtung fest, doch ich habe gleichzeitig grossen Respekt vor Näx und Dragonflys künstlerischen Fähigkeiten, so daß ich ihnen niemals vorschreiben würde, was sie zu tun haben - ich lege höchstens mein Veto ein, wenn mir ein Beitrag von ihnen gar nicht gefällt, was allerdings nur selten vorkommt.
ÜBER MUSIK
Wie kann man nur einen so genialen Song wie "The Sea" schreiben? Habt ihr eine Vorliebe für lange, komplexe Songs? Mögt ihr progressive Rockmusik wie z. B. frühe Genesis, Yes, King Crimson, Marillion, IQ?
Näx: Tja, was Rockmusik und ihre Variationen angeht, muß ich leider gestehen, daß ich da ein unbeschriebenes Blatt bin. Eine Vorliebe für komplexe Stücke habe ich nicht. Was mir meist als "komplex" begegnet, sind Songs, die aus einer Unzahl zusammenhangsloser Musikstückchen zusammengesetzt sind, weshalb diese Titel für mich nur schwer nachzuvollziehen und fast nie wiederzuerkennen sind. Ich will einen Song aber nicht erst rational aufarbeiten müssen, damit er mir gefallen kann. Wenn dagegen ein Titel eine Linie verfolgt und in sich stimmig wirkt, kann er auch aus vielen verschieden Teilen bestehen. Diese Art von Komplexität kann aber nur Mittel zum Zweck, jedoch niemals Selbstzweck sein. Das ganze muß passen. Vielleicht sollte ich mal frühe Genesis, Yes, King Crimson oder Marillion hören?
Sid: Ich habe mich bei "The Sea" nicht einfach mit dem Vorsatz hingesetzt, einen extrem komplexen Song zu schreiben....ich hatte einfach plötzlich die Idee für den Refrain, und vor allem waren da ganz klare Bilder vor meinem inneren Auge, die ich mit Tönen und Worten beschreiben wollte - und aus dieser Grundidee heraus wuchs dann der ganze Song organisch weiter. Ich hätte Anfangs auch nicht gedacht, daß er so lang geraten würde (immerhin fast 14 Minuten), doch meine Songs scheinen einfach eine Eigendynamik zu entwickeln, die sich meinem Einfluß entzieht, und vor allem folgen sie ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten, weshalb auf "A Legacy of Love" auch kein Song wie der andere klingt!
Das bedeutet aber nicht, daß ich eine besondere Vorliebe für lange und komplexe Songs hätte: Zum Einen enthalten unsere Alben ebenso einige kurze Stücke, und zum Anderen empfinde ich lange Stücke wie "Trying not to Breathe", "Forever I Ride" oder auch "The Sea" gar nicht als komplex im eigentlichen Sinn: So tauchen in den Songs zwar die unterschiedlichsten Strukturen und Versatzstücke auf, doch diese sind für sich genommen immer leicht zugänglich und nachvollziehbar; sie stellen zumeist Variationen des Grundthemas dar und sind bei weitem nicht so "verfrickelt" wie ein Großteil der Werke der von Dir angeführten Bands, die ich - mit Ausnahme von King Crimson - auch nicht so toll finde, da ich in ihren Songs meist den Roten Faden vermisse. Ich kann oftmals zwar geistig nachvollziehen, was diese Bands an technischen Finessen in ihre Songs einbauen, doch emotional berührt es mich in keinster Weise. Ich bin wahrscheinlich viel zu sehr vom Folk versaut, um Virtuosität nur um ihrer Selbst Willen gebührend bewundern zu können....
Was sind eure musikalischen Einflüße bzw. Lieblingsbands?
Sid: Meine Einflüße sind vielfältiger Natur: Ich höre sehr gerne klassische Musik von Komponisten wie z. B. Beethoven, Wagner, Rossini, Lassus oder auch Palestrina, wohingegen ich aus dem Bereich der kontemporären Musik Bands bzw. Interpreten wie The Pogues, Bruce Springsteen, Neil Young, Tindersticks, Faithless, Gene Pitney, Roy Orbison, Radiohead, The Clash, The Mekons, The Jam, Them, Joy Division, Blondie, Soft Cell, Depeche Mode, Mink de Ville, Dead Can Dance, Johnny Cash, EA 80, Jonathan Richman, The Ramones, Sex Pistols, Massive Attack oder auch David Bowie bevorzuge.
Näx: Beeinflußt wurde ich früh von der Salsa- und Andenmusik meiner peruanischen Mutter, was aber bei meinen heutigen musikalischen Aktivitäten so gut wie nie hörbar ist. Die frühen Pogues haben da schon hörbarere Spuren hinterlassen. Als musikalische Bezugsperson muß ich Tom Kannmacher nennen, der schon in den 70er Jahren auf traditionellen Instrumenten Musik gespielt und aufgenommen hat. Er hat mir auch die Bedienung der Uilleann Pipes beigebracht.
Musik, die ich gerne höre, weil sie mich berührt, stammt vor allem von der Bothy Band, Planxty, Liam O'Flynn, den frühen Pogues, Celtas Cortos und wer sonst noch irische Musik spielt oder sie mit jedweder anderer Musik verbindet. Daneben höre ich gerne den frühen Grandmaster Flash, Molotow Soda, Perotin, Afro Cuban All Stars, Dead Can Dance usw.
Dragonfly: Meine Eltern haben sehr früh begonnen, meine Kreativität zu unterstützen und zu fördern: Schon vor der Grundschule hatte ich riesigen Spaß an der Musikschule, an der ich mit sechs Jahren dann auch meinen ersten Klavierunterricht erhielt. Diese Ausbildung war rein klassisch, daher meine Liebe zur klassischen Musik in all ihren Facetten.
Rhytmus war schon immer eine Leidenschaft von mir: Musik, die mir keine Wahl läßt als mich zu bewegen. Und die gibt es in jeder Richtung - von Klassik bis Metal. Afrikanische (Trommeln!), Persische (jau...ich hab mal Bauchtanz gelernt...), Klezmer u. a. Einflüsse sind begnadete Inspirationen. In der Blues- und Jazzscene habe ich mich sehr lange ´rumgetrieben und dort auch meine ersten Gesangsversuche gestartet. Ich habe den Blues lange Zeit geliebt, aber nie selbst bis in die tiefsten Tiefen nachempfinden können - dazu bin ich einfach ein zu fröhlicher Mensch. Mein Ding war und ist noch immer eine gute Mischung aus Blues und Jazz (hier kommen die "Mithör-Einflüsse" meines Vaters zum Tragen) bei der jede Stimmung rübergebracht werden kann: Von verträumt über verzweifelt und von fröhlich bis wütend. Das macht Spaß!
Zusammenfassend könnte man also sagen, mein Haupteinfluss ist meine Stimmung. Wer mit mir zusammenlebt, weiss immer, wie's mir geht, wenn ich eine CD auflege...z. B. von Depeche Mode, Dead Can Dance, Faithless, Live, oder U2...
Fühlt ihr euch der Gothic-Metal-Szene oder überhaupt einer bestimmten Szene zugehörig?
Näx: Nein, ich fühle mich keiner Szene zugehörig. Neben der von mir bevorzugten irischen Musik mag ich auch Musik aus anderen Stilrichtungen, so lange sie gut ist und mich berührt. Genauso freut es mich, wenn Menschen, die sich für eine Musikszene entschieden haben, unsere Musik hören und daran Spaß haben, einfach um der Musik und nicht um der Szene willen. Vielleicht entdecken diese Menschen bei uns Stile, die sie normalerweise nicht hören, oder in dieser Kombination noch nicht kannten.
Sid: Da jede Art von Szenezugehörigkeit automatisch eine Einschränkung des eigenen Blickwinkels bedeutet, halte ich mich erfolgreich aus jedwedem Szeneklüngel heraus bzw. bewege mich eigentlich ständig am Rande vieler verschiedener Szenen, aus denen ich mir dann das Beste herauspicke...."Szene" ist mir einfach zu engstirnig, als daß ich mich darin wohlfühlen könnte, und so würde ich mir auch wünschen, daß ANTICHRISIS nicht nur von einer bestimmten Klientel vereinnahmt wird, denn das, was wir in unserer Musik zum Ausdruck bringen wollen, geht weit über irgendwelche Szenegrenzen hinaus!
Dragonfly: "Szene" ist der Grund für meinen Ausstieg aus der Bluesscene. Ich höre jede Art von Musik (ja und ich liebe auch meine Ronny's Popshow-CDs heiß und innig!) und wurde dafür belächelt. Ich kann mir nicht vorstellen, mich auf einen Bereich zu beschränken. So riesig dieser für sich allein auch sein mag. Kreativität kann keine Grenzen haben, sonst entstünde nichts Neues mehr; der Satz "Alles Andere ist Scheisse" ist für Ignoranten.
Es gibt einige Songs, die mich so tief bewegen, daß diese beim Hören immer Gänsehaut erzeugen. Neben Songs von Bands wie DEAD CAN DANCE, LOREENA McKENNITT oder SOPOR AETURNUS gehören auch z. B. "Goodbye to Jane" oder "How can I live on top of the Mountain?" zu dieser Sparte. Kennt ihr auch dieses Gefühl? Bei welchen Bands werdet ihr auf diese Art überwältigt?
Sid: Klar kenne ich das - allerdings sind es bei mir nicht so sehr Bands an sich, die diese Gefühle auslösen, sondern einzelne Lieder bzw. Stücke - so z. B. Pachelbels Kanon, der III. Satz aus Beethovens 9. Symphonie, der Liebestod aus Wagners "Tristan und Isolde", "For my fallen Angel" von My Dying Bride, "Sanvean" von Dead Can Dance, "Tunnel of Love" von den Dire Straits, "New Dawn Fades" von Joy Division, "The River" von Bruce Springsteen, "The Memory of Trees" von Enya, "Up the Junction" von Squeeze, "Shanagolden" von Paddy Day, "Let Down" von Radiohead, "Pillars of Davidson" von Live, "From Adam to Eve" von Nigel Kennedy, "Will You?" von Hazel O'Connor, "Lonesome Highway" von Shane McGowan, "End of the Line" von Mink de Ville, "Hollywood Holiday" von True West, "The Siren of the Woods" von Therion, "Road to Somewhere" von Mark Beer, "Look Back in Anger" von Oasis, "Rock'n'Roll Suicide" von David Bowie, "Stairway to Heaven" von Led Zeppelin, "When the Music's over" von den Doors, "This Man, this Street, this Life" von den Cowboy Junkies, "My lonely Sad Eyes" von Them, "Love hurts" von Nazareth, "I gotta be strong" von Gene Pitney, "One" von U2, "Leader of the Pack" von den Shangri-Las, "Here" von den Tindersticks, "Wild Goose" von Mike Oldfield...und so könnte es noch endlos weitergehen!
Näx: Oh ja, das ist immer noch die beste Musik, die von den Ohren direkt ins zentrale Nervensystem geht, unter Umgehung des Haupthirns. Genial! Dieses Gefühl erzeugen bei mir vor allem einige Balladen von Loreena McKennitt, die schnellen Sets der Bothy Band und der "Buuredanz" und "Pänz, Pänz, Pänz" von den Bläck Föss....
Sid: Ich kenne diesen Mann nicht...ich bin nur zufällig hier - ich weiß überhaupt nicht, wer den überhaupt in die Band gelassen hat!!!
Näx: Gemach, gemach.....die Stücke einer Band namens ANTICHRISIS schaffen das bei mir ja auch.
Dragonfly: ...ganz ehrlich? Also wenn Sid im Musikzimer an der neuen Platte bastelt & die Bass-Lines spielt/ausprobiert...da gibt's schon mal ganz heftig Gänsehaut.
Nun gut - hier auch mein Listchen: "To Bring You My Love" von P. J. Harvey, "Dance Above The Rainbow" (Feet of Flames) von Ronan Hardiman, "Elokin Eli Ata" von Giora Feidmann, "Angel" und "Safe from Harm" von Massive Attack, so ziemlich alles von Depeche Mode, "When you say nothing at all" von Ronan Keatin, "Layla" von Eric Clapton, "Take Your Best Shot" von Smokin' Joe Kubek, "Cornflake Girl" von Tori Amos, "Me Myself I" von Joan Armatrading, "Want" von The Cure, "Just To Let You Know" von den Cultured Pearls, die "Toward The Within" von Dead Can Dance, "God Is A DJ" von Faithless, "The Damn At Otter Creek" von Live, "Goodbye to Jane" von ANTICHRISIS, Hazel O'Connor's "Will You?" usw.
KINDESMISSBRAUCH
"Goodbye to Jane" von eurem ersten Album "Cantara Anachoreta" behandelt ein Thema, das laut Statistik jedes 7. Kind in Deutschland betrifft. Es ist mir unbegreiflich, wie sich Väter in dieser Weise an ihren eigenen Kindern vergehen können. Glaubt ihr, daß es eine Möglichkeit gibt, diese Mißstände einzudämmen?
Sid: Ich glaube nicht, daß sich unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen in Bezug auf die sogenannten Sexualdelikte - egal, ob es sich dabei um Kindesmißbrauch oder Vergewaltigung handelt - im positiven Sinne etwas ändern wird, denn dies sind systemimmanente Auswüchse einer auf männlichen Wertvorstellungen beruhenden Gesellschaftsform. Bereits eines der Grundlagenwerke des abendländischen Patriarchats, die Bibel, rechtfertigt die alleinige Verfügungsgewalt der Väter über ihre Kinder: So bestimmt z. B. ein Vater seine Tochter zum gottgefälligen Opfer einer Massenvergewaltigung (Richter 19.24); eine weitere Vaterfigur, Abraham, ist auf Gottes Anweisung hin ohne zu zögern bereit, seinem Sohn Isaac die Kehle durchzuschneiden (1. Mose 22.ff), und schließlich ist da noch dieser ominöse Gott selbst, der im Neuen Testament seinen angeblichen Sohn Jesus einem qualvollen Foltertod preisgibt - wahrhaft beeindruckende Beispiele eines patriarchalen Verständnis' von Vaterliebe!
Daher erscheint mir die erfolgreiche Bekämpfung von Kindesmißbrauch und Vergewaltigung ohne eine radikale Infragestellung der patriarchalen Gesellschaftsordnung an sich unmöglich - es gilt nicht, die Symptome auszumerzen, sondern das Übel an der Wurzel zu packen! Wieviel die körperliche und seelische Unversehrtheit einer Frau oder eines Kindes in unserer Gesellschaft wert ist, läßt sich schon daran erkennen, daß ein Delikt wie z. B. Steuerhinterziehung oftmals ein höheres Strafmaß für den Täter nach sich zieht, als das bei Vergewaltigung oder Kindesmißbrauch der Fall ist. Hinzu kommt, daß eine Frau, die sich gegen den Versuch einer Vergewaltigung so zur Wehr setzt, daß der Täter dabei zu Schaden kommt, selbst noch mit Strafverfolgung zu rechnen hat.
Darüber hinaus erlauben die legale Existenz von Pornographie und Prostitution sowie religiös-moralisch begründete Diskriminierungsmechanismen jedem Mann, sich die Verfügungsgewalt über eine Frau bzw. ein Mädchen anzumaßen - und wieso sollte diese vermeintliche männliche Omnipotenz ausgerechnet vor der eigenen Tochter halt machen?
Findet ihr, daß in Hinsicht auf das Thema Kindesmißbrauch, das ihr in eurem Song "Goodbye to Jane" ansprecht, unser Rechtssystem versagt, da die Häufigkeit dieser Fälle scheinbar mehr und mehr zunimmt?
Sid: Die Justiz an sich ist eigentlich das falsche Mittel, um solchen Auswüchsen entgegenzusteuern, da jede Form von Rechtsprechung immer erst da ansetzt, wo das Kind sozusagen schon in den Brunnen gefallen ist. Natürlich muß ein Täter seiner gerechten Strafe überführt werden, doch noch besser wäre es, wenn unsere Gesellschaft eine solche wäre, in der solche Taten erst gar nicht vorkommen...Doch abgesehen davon kommt es mir schon so vor, als ob oftmals Täterschutz vor Opferschutz geht: Es ist zwar wichtig, die Frage nach den Ursachen der Tat zu stellen, doch dies darf niemals dazu führen, das Opfer aus den Augen zu verlieren, denn in erster Linie muß diesem Gerechtigkeit widerfahren, falls dies überhaupt noch möglich ist!
Dragonfly: Ich mache an diesem Punkt den hierzulande üblichen Umgang mit Pornographie zum Thema - der legale Verkauf pornographischer Produkte wirkt in keinem Fall abschreckend auf (mögliche) Vergewaltiger. Oder, wie es Andrea Dworkin formulierte: "Pornographie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis!" - hier wäre ein NEIN aller Frauen angesagt und notwendig, um diese Art Zeitschriften oder Filme ganz sterben zu lassen! Leider gehört es unter Frauen, die von sich als "emanzipiert" sprechen und angeblich ihre "Sexualität frei leben" dazu, diese Filme/Zeitschriften zumindest zu tolerieren. Dadurch werden wir von Männern nicht als geichwertig respektiert - und schon sind wir bei einem ausschlaggebenden Punkt: Offensichtlich hat der Mann vor allem Leben - egal, ob es sich dabei nun um Frauen oder Kinder handelt - keinen Respekt. In der Zeit der Amazonen und in Matriarchaten wäre wohl auf eine solche Tat mit Ausstoß aus der Gesellschaft sowie einer Kennzeichnung, erkennbar für jede(n), reagiert worden - ob er seinen Lingam behalten hätte, wage ich zu bezweifeln. Allerdings sind Vorfälle wie Vergewaltigungen in matriarchalen Gesellschaften weitestgehend unbekannt - das Verhältnis zum Leben, den Mitmenschen und zur Sexualität ist/war ein anderes und somit der Gedanke an bzw. der perverse Wunsch nach sexuellem Mißbrauch gar nicht vorhanden.
Würdet ihr im Fall von Kindesmißbrauch auch die Todesstrafe für angebracht halten? Mich hat in diesem Zusammenhang der Film "Die Jury" (Buch von John Grisham) ziemlich bewegt - kennst ihr zufällig diesen Film? Falls ja, wie hat er auf euch gewirkt?
Sid: Nein, ich kenne weder den Film noch das Buch, und ich bin mir auch bewußt, daß es in einer Gesellschaft wie der unseren niemals eine Patentlösung für dieses Problem geben wird: Wäre die Todesstrafe das alleinseligmachende Mittel, dann dürfte es ja z. B. in den Staaten der USA, in denen sie vollstreckt wird, solche Delikte nicht mehr geben....Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen, ist leider ebenso paradox wie einen Krieg zu führen, um Kriege zu beenden! Nichtsdestotrotz muß wie gesagt dem Opfer Gerechtigkeit widerfahren, und Gerechtigkeit kann eben auch den Tod des Täters bedeuten!
Dragonfly: Also mir wird schlecht, wenn ich Szenen wie die der Vergewaltigung des Mädchens in "Die Jury" sehe. Ich hätte an Stelle des Vaters, der die Vergewaltiger seiner Tochter erschoß, kaum anders gehandelt, auch wenn Selbstjustiz zu einem einzigen Gemetzel führen würde. Und nu' der Jurist...:
Näx: Oh, beim Punkt Todesstrafe muß ich mich auch einschalten. Davon halte ich nämlich überhaupt nichts, auch wenn ich ab und an spontan Mördern und Kinderschändern den Tod wünsche. Grundsätzlich sollte bei der Bestrafung von Vergewaltigern und allgemein triebgesteuerten Mördern (was nur die wenigsten Mörder sind) die Sicherheit der Opfer und der Öffentlichkeit im Vordergrund stehen und nicht der Satz: Der Mörder (Kinderschänder) ist immer das Opfer. Die größtmögliche Sicherheit vor den gefaßten Tätern (natürlich nicht vor den noch unbekannten) wird selbstverständlich erreicht, wenn diese Täter kurzerhand selbst getötet werden, denn: weg ist weg. Wie man das ethisch/moralisch/religiös werten soll, muß jeder mit sich ausmachen, ich selbst habe mit dieser pragmatischen Lösung meine Probleme. Sie bestehen darin, daß ein Richter nur verurteilen darf, wenn er davon überzeugt ist, daß das, was dem Täter zur Last gelegt wird, auch tatsächlich geschehen ist. Die Richter haben in dieser Frage einen wirklich schweren Stand, und es kommt dabei entscheidend auf die Beweise an. Nun besagt ein Urteil aber nicht, daß der Verurteilte auch der Täter ist, sondern nur, daß der Richter davon, aus guten Gründen, die er alle benennen muß, überzeugt ist. Meistens haben die Richter recht. Was aber ist, wenn sich ein Urteil Jahre später als falsch herausstellt, weil ein neuer Beweis aufgetaucht ist oder weil es neue Beweismethoden gibt? Ein Urteil kann aufgehoben werden, die unschuldig im Gefängnis verbrachten Jahre sind zwar weg, aber man lebt noch. Nur der Tod ist irreversibel. Es gibt viele Fälle, in denen sich nach Jahren herausstellte, daß ein wegen Vergewaltigung verurteilter Gefangener gar nicht der Täter gewesen sein konnte, weil man mittlerweile in der Lage ist, genetische Informationen zu verwerten. Der wirkliche Täter wurde darauf bald gefaßt. Wäre dieser Gefangene aber hingerichtet worden, so hätte die Rechtsordnung und damit die Gesellschaft dessen Tod zu rechtfertigen. In meinen Augen kann fehlende Beweissicherheit aber kein Rechtfertigungsgrund sein, weil ein gleich großer Schutz vor dem Täter erreicht wird, wenn er bloß weggesperrt wird, was im Zweifelsfall aber auch wirklich lebenslang bedeuten sollte. Für einen zu unrecht Verurteilten ist das zwar immer noch bitter, aber es besteht immerhin die Möglichkeit der Entlastung und der Entlassung, was nach einer Exekution nicht möglich ist. Diese Alternative halte ich daher für vorzugswürdig. Kurz: für mich schließt die Möglichkeit eines Fehlurteils die Todesstrafe aus.
Was die Resozialisierung von Vergewaltigern und Kinderschändern angeht, bin ich sehr zurückhaltend. Die Sicherheit vor Menschen, die sich in gefährlicher Weise nicht steuern können, geht für mich im Zweifelsfall vor. Daß der Kindesmißbrauch zugenommen hat, glaube ich nicht. Glücklicherweise wird das Thema derzeit aber so enttabuisiert, daß sich die Opfer trauen, über das Geschehene zu sprechen und die Täter (meistens Familienangehörige oder Bekannte) zu benennen. Es werden heute darum einfach mehr Fälle aufgedeckt und öffentlich gemacht als früher. Diese Atmosphäre finde ich wichtig, damit die Opfer sich eben nicht zurückziehen müssen, sondern Hilfe erhalten können und damit die Täter aus dem Verkehr gezogen werden. Hieran zeigt sich, daß Kindesmißbrauch kein strafrechliches Problem ist, sondern ein gesellschaftliches.
Die Rechtsordnung ist in den Fällen zu kritisieren, in denen ein einschlägig bekannter oder gar verurteilter Täter in die Freiheit gelangt und rückfällig (was für ein harmloses Wörtchen) wird. Mehr als die Bestrafung und Sicherung bekannter Täter kann man von der Rechtsordnung jedoch nicht verlangen. Eine generalpräventive Wirkung von Strafe auf Triebtäter halte ich für Quatsch, so daß die große Aufarbeitung des schrecklichen Phänomens Kindesmißbrauch der gesamten Gesellschaft in allen Ebenen aufgetragen ist. Ein Lied wie "Goodbye to Jane" kann das Bewußtsein in der Gesellschaft vom Kindesmißbrauch zumindest schärfen. Ich finde es gut, wenn die Auseinandersetzung mit diesem Thema auf allen (auch musikalischen) Ebenen geschieht.
RELIGION
Der Name ANTICHRISIS ist ja ein Anagramm, das ursprünglich "Heilige Tänze zu Ehren der Göttin Isis" bedeutet. Hat dies mit Isis' Rolle als "Alma Mater" in der ägyptischen bzw. mediterranen Welt zu tun, als Herrscherin über Leben und Tod? Laut Robert Ranke-Graves leitet sich Isis von Ish-ish ab, was soviel wie "Sie, die weint" heisst und soll u. a. mit der Vorstellung zusammenhängen, daß der Mond, den sie verkörpert, den Morgentau fallen läßt. Andererseits wird ihr Weinen auch als Trauer um den von Seth erschlagenen Osiris verstanden und hängt mit dem ewigen Kampf der Sonnenkönige um die Gunst der Grossen Mutter bzw. der Mondgöttin zusammen. Welche Vorstellungen habt ihr von Isis' Herkunft und ihrer religionsgeschichtlichen Bedeutung? Ein anderes schlaues Buch verriet mir, daß Isis Ra's geheimen Namen gewußt haben soll und deshalb so mächtig wurde. Was hat Isis diese Macht gegeben und Ra erpressbar gemacht? Und wäre es - um auf ANTICHRISIS zurückzukommen - nicht naheliegender gewesen, auf den Namen einer Göttin wie Hekate, Artemis oder Freya zurückzugreifen? Weshalb ausgerechnet eine unserem Kulturraum fremde Gestalt wie Isis? Und wie stellt ihr sie euch vor bzw. wie nehmt ihr sie war?
Sid: Au Mann, das wird wohl ein längerer Exkurs in Religionsgeschichte und Ägyptologie! Also: Der gute Robert Ranke-Graves hat mit dem Buch "Die Weisse Göttin", auf dessen Thesen Du Dich hier berufst, zwar ein häufig zitiertes, jedoch mitunter recht spekulatives Werk verfasst, das in Hinsicht auf wissenschaftliche Methodik doch Einiges zu wünschen übrig läßt. Entgegen seinen Angaben bedeutet "Ish-Ish" - das korrekterweise "Ashesh" heissen müßte - nicht "Sie, die weint", sondern "Das Ausgießen" bzw. "Das Ernähren", was als Hinweis darauf verstanden werden kann, daß die göttliche Essenz der Isis alle anderen Götter und Geschöpfe nährte und somit am Leben erhielt (nach A. E. Wallis Budge: "Gods of the Egyptians" New York 1969).
Es erschiene auch etwas absurd, eine Göttin, die den Status einer Alma Mater inne hat, auf eine lediglich um ihren geliebten trauernde Figur reduzieren zu wollen. Isis' wahre Bedeutung erschließt sich vielmehr aus einem von Lucius Apuleius (ca. 125 - 180 n.u.Z.) verfassten Hymnus aus seinen "Metamorphosen", in dem es u. a. heißt:
"Heilige Frau und Menschenretterin immerdar, allzeit hilfreicher Hort aller Erdenkinder; ja, Du erweisest süße Mutterliebe den Elenden und Geschlagenen! Nicht Tag noch Nacht oder auch nur ein kurzer Augenblick vergeht ohne Deine Gnadenwirkung; keiner, da Du nicht zu Meer und Land die Menschen behütest, Gewitter des Lebens verscheuchst und Deine Rechte zur Hilfe reichst, mit der Du selbst unentwirrbar verstrickte Fäden der Parzen auflösest, Schicksalsstürme besänftigst und böse Sterne in ihrem Lauf hemmst....Du drehst das Firmament, entfachst die Sonne; die Welt ist Dein Thron, die Hölle Dein Schemel. Nach Dir wandeln die Gestirne, wechseln die Jahreszeiten; Dir jauchzen die Geister, dienen die Elemente. Dein Wink macht Winde wehen, Wolken gießen, Samen spriessen, Sprosse wachsen. Vor Deiner Hoheit erheben sich die am Himmel ziehenden Vögel, die auf den Bergen schweifenden Tiere, die am Boden lauernden Schlangen, die im Meere schwimmenden Wale. Doch mir gebricht es an Gaben, Dein Lob zu verkünden, und fehlt es an Gütern, Dir Opfer zu bringen. Ich habe nicht Stimmkraft genug zu sagen, was ich von Deiner Hoheit fühle, nicht tausend Münder oder Zungen gleicher Art oder ewig regen Redestrom. Was allein der Mensch zu tun vermag, der fromm aber sonst arm ist, das soll also meine Sorge sein: Dein himmlisches Antlitz und hochheiliges göttliches Wesen will ich auf alle Zeit im Schrein meines Herzens bewahren, hüten und vor Augen haben!"
Und in ihrer Heimat Ägypten wurde Isis angebetet als "Herrin der Götter, Du beflügelte, Du rotbewandete Gebieterin, Königin mit den Kronen des Südens und des Nordens, du Einzige....über der kein Gott sein kann....die Du mächtig bist durch die Worte der Kraft....die Du über allem stehst; Herrscherin und Gebieterin des Grabes, Mutter am Ende des Himmels! Preis sei Dir, oh Gebieterin, die mächtiger ist als die Götter; Worte der Anbetung mögen Dir die acht Götter von Hermopolis entgegenbringen. Die lebendigen Seelen an ihren geheimen Orten mögen Dein Geheimnis preisen, oh Du, die Du ihre Mutter bist; Du Quell, dem sie entsprangen, die Du ihnen einen Ort in der verborgenen Unterwelt schuffest, die Du ihre Gebeine unversehrt erhieltest und sie vor Schrecken bewahrtest, die Du sie in ihrem ewig währenden Aufenthalt stärktest. Du bist Isis, die Älteste der Alten: Du bist die Göttin, aus der alles Werden wächst!"
Aufgrund dieser und zahlreicher weiterer Quellen erscheint es mir mehr als unwahrscheinlich, daß es eine derart mächtige Göttin in mythologischer Hinsicht nötig gehabt haben soll, sich mittels Erpressung der Macht eines religionsgeschichtlich relativ spät etablierten Sonnengottes zu bedienen, denn während sich die Verehrung der Isis mühelos bis zur 1. Thinitischen Dynastie (3400 - 2980 v.u.Z.) zurückverfolgen läßt, taucht Ra erstmals in den Schriftrollen der 12. Thebanischen Dynastie (2000 - 1788 v.u.Z.) auf, wobei es sich bei ihm lediglich um die Abwandlung bzw. Maskulinisierung der ursprünglich weiblichen Göttin von Heliopolis, Rataiut, handelt.
Natürlich kannte Isis Ra's Namen, denn gemäß seiner eigenen Legende war er ihr Sohn! Über ihn war sie allerdings so erzürnt, daß sie ihn mittels seines geheimen Seelennamens mit einem Bann belegte, der nicht zu brechen war und ihn dadurch dazu verdammte, alt und gebrechlich zu werden (nach E. A. Wallis-Budge: "Egyptian Magic", New York 1971). Es kann also keine Rede davon sein, daß eine "schwache" Isis sich der Macht eines "starken" Sonnengottes bedienen mußte - im Gegenteil: Viel eher erscheint es so, als ob Ra auf Isis' Gunst angewiesen war.
Übrigens wurde Isis nicht nur in Ägypten, sondern auch in der griechisch-römischen Welt verehrt, "von Alexandria bis Arles, vom Rand der Sahara bis zu den britischen Inseln, von den Bergen Asturiens bis zur Mündung der Donau" (nach Franz Cumont: "Die orientalischen Religionen im Römischen Heidentum", Leipzig 1931).
Natürlich wäre es naheliegender gewesen, auf eine der grossen Göttinen des europäischen Kulturkreises zurückzugreifen, doch schon seit meiner Kindheit hat mich die Gestalt der Isis fasziniert: Sie ist für mich die allumfassende Verkörperung des Lebens und der Liebe, die Königin des Himmels, die Mutter alles Lebendigen und die Hüterin an der Schwelle des Übergangs.
Wie ich sie wahrnehme? Da sie alles Leben - Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine, Wasser usw. - schuf, wohnt auch ein Teil von ihr in all dem, was sie erschaffen hat, d. h. auch in mir selbst. Und genau in diesem Punkt unterscheidet sich die Gestalt der Göttin grundsätzlich vom christlichen Gottesbegriff: Während der Gott der christlichen Schöpfungsmythen stets außerhalb seiner Schöpfung und vor allem außerhalb der Menschen steht, woher nebenbei bemerkt auch die Notwendigkeit einer priesterlichen Vermittlung zwischen Mensch und Gott rührt, begreife ich die Göttin als untrennbar mit ihrer Schöpfung verbunden. Und da im Grunde genommen jede Frau und jeder Mann die Göttin ins sich trägt, ist es jedem Menschen prinzipiell möglich, einen gott- bzw. göttingleichen Zustand zu erreichen - und das nicht erst in einem wie auch immer gearteten Jenseits!
Isis ist für mich keine irreale geistige Projektion, sondern ihr Wesen begegnet mir in jedem Stein, jedem Baum, jedem Hauch des Windes, jeder Welle des Meeres und jedem Regenschauer....doch dieses Art der Wahrnehmung läßt sich wahrscheinlich nur schwer vermitteln.
Würdet ihr die Bibel mit dem Christentum gleichsetzen oder nicht? Anders gefragt: Würdet ihr die Bibel als ein zwar gutes, aber gründlich mißverstandenes Buch bezeichnen?
Sid: Da die Bibel die verbindliche schriftliche Grundlage des Christentums (und im Falle des Alten Testaments auch des Judentums) darstellt, halte ich eine Gleichsetzung von Bibel und Christentum für gerechtfertigt, wobei sich die überwiegende Mehrheit der Christen in dem Irrglauben ergeht, bei den Büchern des alten und neuen Testaments würde es sich um "Gottes eigenes Wort" handeln, "als ob die hohen Himmel sich geöffnet hätten und wir Gott hörten, wie er mit menschlicher Stimme zu uns spricht" (nach D. Burgon: "The Holy Bible", Canterbury 1878).
Diese Annahme läßt sich mittlerweile allerdings nicht mehr aufrechterhalten; erschien doch bereits im Jahre 1889 ein von katholischen Gelehrten verfasster Sammelband ("Lux Mundi"), der mit der angeblichen Historizität und göttlichen Inspiration der Bibel aufräumt, indem eingestanden wird, daß es sich bei der Bibel um eine "wirre Masse von Mythen, Legenden und verstümmelter geschichtlicher Tatsachen einschließlich zahlreicher sich widersprechender Fakten" handelt (zitiert nach A. D. White: "A History of Warfare of Science with Theology in Christendom", New York 1955). In diesem Zusammenhang erstaunt es die Kenner christlicher Wahrheitsliebe wenig, daß im Jahre 1897 die Index-Kongretaion unter Papst Leo XII. jegliche weiteren diesbezüglichen Forschungen über die Ursprünge der biblischen Texte unter Androhung der Exkommunikation untersagte!
In Bezug auf die Authentizität der Bibel wurde die Legende verbreitet, daß das Alte Testament im 3. Jahrhundert v.u.Z. von 72 Übersetzern des Ptolemäus auf der Insel Pharos in 72 Tagen vom Hebräischen ins Griechische übertragen worden sei (daher auch der Name "Septuaginta" für diese Übersetzung, wobei der numerologische Symbolismus dieser Legende auf die 72 kabbalistischen Gottesnamen Bezug nimmt). Nach Ablauf der 72 Tage wurden die Übersetzungen miteinander verglichen und man stellte fest, daß sie Wort für Wort miteinander übereinstimmten. Zu schön, um wahr zu sein, denn die tatsächliche Geschichte der Bibel verlief um Einiges ungeordneter: Im 1. Jahrhundert v.u.Z. tauchte erstmals eine Sammlung loser Texte auf, die im 1. Jahrhundert n.u.Z. von den Juden in der ägyptischen Diaspora als heilig akzeptiert und von den Christen übernommen wurde - und danach erlebten diese Texte unzählige Veränderungen und Redigierungen: Im 4. Jahrhundert n.u.Z. fertigte Hieronymus eine bemerkenswert ungenaue und lückenhafte Übersetzung des Basistextes, die Vulgata, die deutlich vom Original abwich!
Die heute meist gebräuchliche Luther-Übersetzung basiert - ebenso wie die King James Bible für den englischen Sprachraum - auf einem griechischen Text, den Erasmus von Rotterdam im 16. Jahrhundert n.u.Z. zusammengetragen und herausgegeben hat; einer Sammlung, die wiederum auf byzantinische Quellen aus 4. - 8. Jahrhunderts n.u.Z. beruht. "Später wurden einige ältere Texte entdeckt: die Texte von Qumran (2. Jahrhundert v.u.Z.), die Chester Beatty Papyri (2. - 3. Jahrhundert n.u.Z.), der Codex Sinaiticus und der Codex Vaticanus (beide aus dem 4. Jahrhundert n.u.Z.) sowie der Codex Alexandrinus (5. Jahrhundert n.u.Z.). Alle sind fragmentarisch, sie weichen in wesentlichen Bestandteilen voneinander und von der King James Bibel ab. Es gibt keine bekannten Teile der Bibel, die vor dem 4. Jahrhundert v.u.Z. entstanden sind!" (nach C. F. Pfeiffer: "The Dead Sea Scrolls and the Bible", New York 1969).
In diesem Zusammenhang schneidet auch das Neue Testament nicht besser ab, wurde es doch fälschlicherweise den Aposteln als Verfasser zugeschrieben - eine These, die keiner literaturhistorischen Überprüfung standhält! Des weiteren kommt hinzu, daß die wirklich interessanten Texte des Neuen Testaments durch die Kirche selbst nach und nach eliminiert wurden; sie wurden exkanonisiert und unter der Bezeichnung "Apokryphen" zusammengefasst. Aus diesen gnostischen Evangelien geht u. a. hervor, daß Jesus verheiratet war, daß er kein Einzelkind war (entsprechende Hinweise finden sich sogar noch in Markus 6.3 - hier hat die Kongregation wohl geschlafen!) und daß es neben den bekannten 12 männlichen Aposteln noch 12 weibliche gab, deren Oberhaupt Maria Magdalena war usw.
Die Bibel ist also ein ziemlich konfuses und wirres Werk - kein Wunder, daß das Christentum, das sich auf dieses merkwürdige Sammelsurium beruft, ebenso konfus und realitätsfern daherkommt! Darüber hinaus handelt es sich bei der Bibel um ein höchst gefährliches Buch, das u. a. die geistige Grundlage für die Hexenverfolgung schuf (Exodus 22.17: "Eine Hexe sollst Du nicht am Leben lassen"); ganz zu Schweigen von den wiederkehrenden Befehlen Jehovahs in den Büchern der Richter und der Könige, Andersgläubige auszurotten, niederzumetzeln und zu vergewaltigen! Die im Alten Testament formulierte Ideologie eines "Auserwählten Volkes", dessen hegemoniale Macht- und Eroberungspolitik durch einen eifersüchtigen und hochgradig parteiischen Gott gerechtfertigt wird, bildet gleichzeitig das Fundament für nachfolgende faschistische Ideologien jeglicher Couleur.
Wie steht ihr zur Institution Kirche bzw. dem christlichen Glauben?
Sid: Ich halte weder etwas von Christentum noch von Kirche (die übrigens gemäß neutestamentarischer Quellen keinerlei Legitimation besitzt!), wobei ich mich hierbei nicht spezifisch gegen den christlichen Glauben im Besonderen, sondern gegen jede Art von organisierter Religion bzw. Philosophie, die eigenverantwortliches Denken und Handeln durch Dogmen ersetzt und kein Hinterfragen zuläßt, wende! Die Kirche hat im Lauf ihrer Geschichte eine Unzahl von grausamen Verbrechen begangen; sei es nun in Form der Kolonialisierung Südamerikas oder der Hexenverfolgung etc. Für diese Verbrechen hat sich die Kirche nie entschuldigt, geschweige denn Wiedergutmachung geleistet, und ein Buch wie der "Hexenhammer" ist auch heutzutage nach kanonischem Recht ein noch immer gültiges Regelwerk.
Näx: Ich für meinen Teil bin von einer katholischen Erziehung geprägt und stehe zu den christlichen Grundwerten. Der Amtskirche stehe ich dagegen kritisch gegenüber. Der Kern dieser Grundwerte kommt wohl in allen Religionen vor und nach meiner Meinung ist es wichtig, daß die Menschen überhaupt Prinzipien haben, die überindividuell und nicht egoistisch sind. Ob und wie der Einzelne solche Werte spirituell einbettet ist jedem sein Bier, wie man im Rheinland zu sagen pflegt.
Dragonfly: Ich bin eine Frau. Mich also zu einer frauenfeindlichen Organisation wie der Kirche zu bekennen, ist für mich völlig unmöglich, weshalb ich auch den Kampf vieler Frauen, in diesen Verein `reinzukommen, nicht verstehe: Wieso machen die nicht ihren eigenen Laden auf? Das würde nicht Aufgeben, sondern ein Abwenden, Mißbilligen bedeuten und ohne unsere Unterstützung wird die Kirche bald völlig machtlos sein.
Grundsätzlich lehne ich für mich persönlich jegliche Art des Entzugs von Eigenverantwortung sowie Anbetung eines fiktiven "höheren Wesens" ab - ich glaube an mich selbst und meine Weiblichkeit sowie an das Ende der patriarchalen Gesellschaft und ihrer Strukturen.
Wie würde eurer Meinung nach die Welt ohne die Christianisierung aussehen?
Sid: Ich bezweifle stark, ob eine Welt ohne Christianisierung eine Bessere wäre, denn letztendlich stellt das Christentum nur eine Manifestation der Ignoranz, der Machtbesessenheit und der Intoleranz eines großen Teils der Menschheit dar. Die psychologischen Mechanismen und Verdrängungsstrukturen, deren sich die Kirche bedient, gab es schon vor der Etablierung des Christentums, und sie taucht auch in Gesellschaftsformen auf, die nicht christlich geprägt sind: Machtmißbrauch und Unterdrückung sind keine spezifisch christlichen Attribute, sondern scheinen grundsätzlich immer in männerdominierten Gesellschaften aufzutauchen - matriarchalen Gemeinschaften bzw. Völkern sind solche Strukturen weitestgehend fremd!
Näx: Ob die Geschichte ohne Christianisierung wesentlich unblutiger verlaufen wäre, wage ich zu bezweifeln, weil (irgendeine) Religion in der Regel nur der Vorwand oder das Vehikel für die Unterdrückung Dritter ist. Der Grund der Unterdrückung ist dann auch immer unreligiös. Ohne Christianisierung würden heute zumindest diejenigen Christen fehlen, die ihr Leben in erster Linie nach den christlichen Grundwerten ausrichten.
Dragonfly: Die Geschichte wäre sicherlich die Gleiche geblieben, egal, auf welche Weise oder in welcher Organisation Männer die Macht an sich gerissen hätten. Sicher hat auch das Dazutun oder das sich-nicht-wehren der Frauen zum Entstehen dieser Strukturen beigetragen, aber ich kann nicht sagen, was ich in der Situation einer Frau vor 3000 Jahren getan hätte...
Heute jedenfalls läuft schon so manches anders und ich muss mir eine "Entchristianisierung" nicht mehr wünschen: Die Restmacht, die die Kirche zwar noch hat, steht ihr definitiv nicht zu und sie wird zusehends schwächer. Sie muß Zugeständnisse machen ohne Ende, um noch ein paar Schäfchen zu halten - viele (Frauen) wachen endlich auf.
Solange jede Frau ihr Leben nach ihren Träumen gestalten kann, sobald Selbstbewußtsein von Frauen und Mädchen gefördert wird, Selbstverantwortung selbstverständlich ist und jede aus Wissen und Gewissen ihre Religion wählen kann, gestehe ich jeder ihren Glauben zu - egal welchen.
HEXEN
Neulich habe ich in einem Wartezimmer eine nette Broschüre gelesen, in der es u. a. um den Hexenschuß ging. Was haltet ihr von diesem Begriff?
Sid: Klassisches Beispiel von christlichem Aberglauben, der einen simplen medizinischen Vorfall wie einen eingeklemmten Nerv dem Wirken von "bösen" Hexen zuschreibt - ich wurde daher den Fachbegriff "Lumbago" vorziehen. Damit will ich allerdings nicht behaupten, daß eine Hexe nicht fähig wäre, einem ihr übel gesonnenen Menschen eine ziemlich alberne Körperhaltung aufzuzwingen.....Merke: Hexen ärgern lohnt sich nicht!
LITERATUR
Welche Autoren bzw. Bücher liest Du am liebsten?
Sid: Was die Belletristik betrifft: Alle Discworld-Novels von Terry Pratchett sowie sämtliche Bücher von Douglas Adams, Joolz Denby und Nick Hornby. An SachbuchautorInnen lese ich sehr gerne Marija Gimbutas, Luisa Francia, Gerda Weiler, Peter James Carroll, Nicolas Hall und Barbara G. Walker. Ganz besonders ans Herz legen möchte ich allen, die an Märchen gefallen finden, Saheta Weiks "Drachinnengesänge", die kürzlich glücklicherweise neu aufgelegt wurden.
Dragonfly: Ich mag die Fantasy-Reihe über den Planeten "Pern" von Anne McCaffrey ; "Der letzte Drachenlord" von Joanne Bertin; zu den genialsten Bücher, die ich gelesen habe, gehören auf jeden Fall "Das Bildnis des Dorian Grey" von Oscar Wilde; "Drachinnengesänge" von Saheta S. Weik, "Amazone" von Barbara Walker und Marlo Morgan's "Traumfänger"; "Der kleine Nick" hör' ich dagegen gern als Gute-Nacht-Geschichte.
BIOGRAPHISCHES
Ihr scheint ja wirklich jede Menge Instrumente zu beherrschen. Habt ihr euch das Spielen selbst beigebracht oder habt ihr Unterricht genommen? Bereitet es euch Probleme, an allen Instrumenten über die Jahre fit zu bleiben, oder übt ihr mit allen regelmäßig?
Sid: Ich bin absoluter Autodidakt und übe auch so gut wie nie, weshalb ich im Gegensatz zu Näx kein guter Musiker im technischen Sinne bin - aber es gelingt mir dennoch, mit einfachen Mitteln gute Songs zu schreiben. Zwar finde ich mich auf vielen Instrumenten einigermaßen zurecht, "beherrschen" würde ich das jedoch nicht nennen. Näx hingegen hat das Spielen auf dem Dudelsack wirklich erlernt und ist auch definitiv ein Virtuose - nicht nur auf diesem Instrument! Zum Üben kann ich mich nie aufraffen, weil mir das zu langweilig ist: Sobald ich mich mit einem Instrument hinsetze, kommt mir meist schon eine Songidee, die ich dann ausarbeiten möchte...
Näx: Mit 6-7 wollte ich unbedingt Geige lernen, was ich dann auch sechs Jahre lang versuchen durfte, bis ich keinen Spaß mehr daran hatte. Mit 15 habe ich mir mit Nachhilfeunterricht meine erste Gitarre verdient und mir die legendäre und weltweit bekannte Schrammeltechnik beigebracht. Irgenwann danach hörte ich dann zum ersten Mal die Pogues, die Dubliners und schließlich die Bothy Band und war prompt vom irischen Virus infiziert....
Sid: Hehe, und wieso verschweigst du, daß Du davor HipHop bis zum Steinerweichen gehört hast?
Näx: Pass' bloß auf, sonst erzähl' ich mal von deinen musikalischen Schandtaten - ich denk' da nur an deine äußerst obskure Reggae-Version von "Baleias"! Aber wo waren wir stehen geblieben? Also, ich besorgte mir eine Mandoline (die wie die Violine gestimmt ist), dazu Tin Whistles und Dance Tunes. Der Hit war aber, daß ich aus der Zeitung erfuhr, daß es in Bonn einen Uilleann Pipes-Lehrer gab: Tom Kannmacher - einer der Wegbereiter des Folkrevivals im Deutschland der 70er und 80er Jahre. Also ging ich mit 18 Jahren wieder in die Musikschule, baute ein Instrument und bekam regelmäßigen Unterricht. Mit Eintritt in das Studentenleben fiel der Unterricht dann wieder weg, aber der gute Kontakt zu Tom blieb erhalten. So musiziere ich seither in verschiedenen Folkbands und vor allem in irischen Sessions. Man bleibt so in Übung und lernt nie aus, obwohl diese Praxis mit dem Studienende leider abnimmt.
Dragonfly: Nach dem obligatorischen Xylophon- und Blockflötenunterricht (ich danke meinen Eltern für die Förderung - aber wie sie das ausgehalten haben, ist mir ein Rätsel!) habe ich begonnen, Klavier zu spielen (muß anfangs ähnlich grausam gewesen sein). Durch einen Umzug verlor ich leider meinen besten Klavierlehrer, mit dem ich bis heute wahrscheinlich eine wahre Virtuosin geworden wäre (es gibt da so ein Alter, da braucht ein Teenager gelegentlich mal einen Tritt in den Allerwertesten...) - aber das Leben spielt eben eine andere Musik. So kamen also größere "Kreativpausen" dazwischen - ich spiele jedenfalls immer noch gerne (und übe auch tatsächlich wieder!).
Gesungen habe ich schon immer wahnsinnig gerne - aber wer tut das nicht: Auf Parties, in der Wanne und im Auto. Nach meinem Jahr in Italien nahm ich dann endlich Gesangsunterricht, der mich in die üblichen "Hochs" und Tiefs" des erstaunten "Nein - das bin ich!?" und verzweifelten "Oh Scheisse, wie furchtbar!" stürzte. Als Sid mich dann nach gut zwei Jahren in's "Aus-dem-Bauch-Singen" einweihte, hat es dann endlich gefunkt und nun weiß ich, was ich kann und lebe im Moment des Singens einfach das, was ich da mit meiner Stimme tue.
Was das Üben betrifft, so ist ein "Drinbleiben" beim Singen unvermeidlich. Eine untrainierte Stimme wird keinen Auftritt, geschweige denn eine Tour, überleben.
Gitarre und Harp sind eigentlich weniger erwähnenswert - aber erlaubt ist schliesslich, was Spaß macht. An der Bodhran übe ich mich seit einem Weilchen ganz erfolgreich.
Sid, Du hast schon eine beträchtliche musikalische Laufbahn hinter Dir - könntest Du deren einzelne Stationen etwas erläutern?
Sid: Puuuh, wo fang' ich da am besten an? Also: Als ich im Alter von 14 Jahren zum 1. Mal über genügend finanzielle Mittel dafür verfügte, legte ich mir eine elektrische Gitarre inklusive Verstärker zu und stellte unverzüglich fest, daß eine Gitarre zwar über 6 Saiten, ich hingegen lediglich über 5 Finger an einer Hand verfügte, was bedeutete, daß das herkömmliche System des Gitarrenspiels - zumindest so lange es mir nicht gelänge, Akkorde mit beiden Händen zu greifen und die Saiten mit der Nase anzuschlagen - für mich nicht funktionieren würde. Um diesem Umstand Abhilfe zu schaffen, reduzierte ich den Saitenbestand meiner japanischen Les-Paul-Kopie zunächst von 6 auf 2, was die Sache schon wesentlich einfacher machte, da nun meine Finger die Lufthoheit über dem Griffbrett hatten und ich dank dieser Einsparungsmaßnahmen endlich in der Lage war, sämtliche Songs meiner damaligen Helden, der Ramones, nachspielen zu können, womit mein künstlerischer Ehrgeiz zu diesem Zeitpunkt völlig ausgelastet war.
Ausgestattet mit solch atemberaubenden technischer Fertigkeiten begab ich mich darauf hin nach London, da ich in der Abgeschiedenheit meines elterlichen Heimatdorfes beschlossen hatte, ein Punk-Rock-Star zu werden: Dummerweise hatten die anderen Punks von diesem Entschluss nichts mitbekommen, so daß ich mit meinen diesbezüglichen Ambitionen lediglich so weit kam, ein einziges Mal in der Vorgruppe für die Vorgruppe einer drittklassigen Punkband (an dieser Stelle grüsse ich Antipasti....die hießen wirklich so!) in einem heruntergekommen Pub im Eastend zu spielen. Und als es nach 12 Monaten des Starruhms statt jubelnder Fanmassen immer noch lediglich Pommes aus der Mülltonne vor'm Fish'n'Chips-Shop gab, kehrte ich reumütig und hungrig in heimische Gefilde zurück, besessen von dem Gedanken, die depressivste Musik aller Zeiten zu machen (lag wahrscheinlich an den Fritten!). In diesem Zustand der Verwirrung und unter dem Namen Assorted State of Decay veröffentlichte ich 2 Demos, die ihrer Zeit so weit voraus waren, daß sie von der Öffentlichkeit vollständig ignoriert wurden und infolgedessen meine Berufswahl ("Verkanntes Genie") wesentlich erleichterten.
Den Duft des kommerziellen Erfolges schnupperte ich zum 1. Mal mit dem von mir danach ins Leben gerufenen Soloprojekt Temple of Loki, dessen erstes und einziges Demo sich sagenhafte zweiundzwanzigmal (22!) verkaufte. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen ermöglichte mir jedoch auch diese beeindruckende Erfolgsbilanz noch kein sorgenfreies Leben, weshalb ich weiterhin Lotto spielen und ins Allgäu ziehen mußte, um dort aus lauter Langeweile Cinnamoon zu gründen - wiederum ein Soloprojekt, dessen Symbiose aus Irish Folk und Punk die mit Temple of Loki erreichten Absatzzahlen glattweg verdoppelte.
Damit hatte mein kreativer Schaffensdrang jedoch noch längst nicht seinen Höhepunkt erreicht, da eine höchst originäre Idee anfing, in mir Gestalt anzunehmen: Ich würde einen gänzlich neuen Musikstil erschaffen, indem ich Punk-Riffs so langsam spielen würde, wie es noch nie ein Mensch zuvor getan hatte. Doch wie bei allen guten Ideen mußte ich auch in diesem Fall nur wenig später feststellen, daß sie bereits von ein paar langhaarigen, drogensüchtigen Bombenlegern aus England gestohlen und als "Doom Metal" verkauft worden war!
Durch diesen unverfrorenen geistigen Diebstahl ließ ich mich jedoch keineswegs beirren - im Gegenteil: Ich beschloß, etwas noch viel Ausgefalleneres zu kreieren und verfiel auf die bahnbrechende Idee, besagte Punk-Riffs stattdessen in irrwitziger Geschwindigkeit herunterzuschrubben und dazu skandinavische Volksliedtexte in meiner gefürchteten "Mr. Bean lost his Balls"-Tonlage zu rezitieren, doch auch in diesem Fall schreckten einige Stromgitarrespielenden und Haschischspritzenden norwegischen Pyromanen nicht davor zurück, sich meines Ideenreichtums zu bedienen und ohne Angabe des wahren Erfinders "Black Metal" in Oslo als Patent anzumelden.
Trotz all dieser Rückschläge veröffentlichte ich unter dem Namen ANTICHRISIS im Jahre 1996 das legendäre Demo "Missa Depositum Custodi" - der Rest ist Musikgeschichte....
CANTARA ANACHORETA
Welche Bedeutung steckt eigentlich hinter dem Cover von "Cantara Anachoreta"?
Sid: Das Cover zeigt eine geflügelte Schlange (aus der sich die mythologische Gestalt des Drachen entwickelte), die ein Ei umschlungen hält, aus dem das Universum geboren wird. Diese symbolische Darstellung der Göttin mit ihrer Schöpfung zieht sich durch fast alle Epochen und Kulturen: So verkörpert in der hinduistischen Tradition die Göttin Ananta die Schlangenmutter, die zugleich identisch mit der Kundalini ist - der inneren weiblichen Seele des Menschen, die zusammengerollt im Becken ruht und durch Yogaübungen dazu gebracht werden kann, sich zu entrollen und durch die Chakren zum Kopf hin aufzusteigen und so Erleuchtung zu bringen.
In China hieß die Göttin in Gestalt der geflügelten Schlange Mat Chinoi; in Babylon wurde sie als Kadi bezeichnet. In Ägypten war sie wie in Indien eine Totemform der Grossen Mutter, Per-Utachet bzw. Buto: Die ägyptische Uräus-Schlange war zugleich die Hieroglyphe für "Göttin", und interessanterweise wurde "Uräus" später auf sogenannten "Zauberzetteln" und in mittelalterlichen magischen Büchern (z. B. den henochischen Büchern des John Dee) zu einem der am häufigsten gebrauchten geheimen Namen Gottes. Nebenbei bemerkt: Schon in der Bibel lassen sich genügend Hinweise auf eine ursprüngliche Schlangenverehrung der Israeliten finden - z. B. in Numeri 21.8; Psalm 74:14 oder bei Jesaja 51.9. Ganz abgesehen davon bedeutet das hebräische Wort für Engel, "Seraph", ebenfalls "Schlange").
Das Ei, das die Schlange umschlungen hält, ist das mystische Symbol für das Universum in seiner embryonalen Form. Orphischen Überlieferungen zufolge gebar die Grosse Göttin der Finsternis, die Mutter der Nacht (die in dieser Gestalt als "Goddess of the Night" in dem Song "The Endless Dance" auftaucht), zuerst das Weltei, dem das Universum entschlüpfte und aus dessen beiden Eihälften sie Himmel und Erde schuf. Und gemäß der griechischen Sagen ist es Leda, die die himmlischen Zwillinge Kastor und Polydeukes gebar, wobei jeder der beiden seine Hälfte der Eierschale als Krone trug.
"Schlange des Nils" war nicht nur ein Ehrentitel Kleopatras, sondern der hoheitliche Titel aller ägyptischen Königinnen, und auch Isis wurde als geflügelte Schlange dargestellt - und da sich der Name ANTICHRISIS auf die Göttin Isis bezieht, war es für mich naheliegend, sie in einer ihrer Manifestationen auf dem Cover darzustellen.
Wie bist Du auf den Titel "Cantara Anachoreta" gekommen und was bedeutet er?
Sid: Der Titel ergab sich aus dem dem Album zugrundeliegenden Konzept, ist eine Mischung aus Portugiesisch und Latein und bedeutet "Die Gesänge des Eremiten".
"Cantara Anachoreta" wirkt wie eine in sich geschlossene Geschichte - Kannst Du das bestätigen?
Sid: "Cantara Anachoreta" ist tatsächlich eine Art Konzeptalbum, dessen Songs die letzten Stunden im Leben des Eremiten Ariman schildern: Er spürt, daß seine Zeit gekommen ist und die Stunde der Dunkelheit naht ("Prologue"). Während seine Seele sich langsam der Schwelle des Schattenreichs nähert, ziehen die Begebenheiten seines Lebens als auch die vorangegangener Inkarnationen an ihm vorbei: So erlebt er nochmals das dunkle Zeitalter der Hexenverfolgung ("The Endless Dance"), in dem er trotz seiner damaligen Position als Abt eines Klosters versuchte, die Verfolgten zu schützen; und ebenso erlebt er den schmerzhaften Verlust der Frau, die er liebte ("Requiem ex Sidhe"). Er erinnert sich eines Mädchens, dem er auf seinen Spaziergängen oft begegnete, bis es eines Tages nicht mehr auftauchte: Das Kind hatte sich umgebracht, nachdem es von seinem Vater mißbraucht worden war - dennoch spürt Ariman die Präsenz des wütenden und Vergeltung einfordernden Geistes des Mädchens ("Goodbye to Jane")....
Bilder aus längst vergangenen Tagen steigen in dem Sterbenden empor, und er gedenkt der zahlreichen Momente seines Lebens, in denen er Mut und Tapferkeit aufbringen mußte, um sich selbst treu zu bleiben ("Baleias"): Auch wenn mancher Kampf verloren wurde, war es doch wichtig, gekämpft zu haben. Es fiel ihm nicht immer leicht, dem Pfad der Göttin zu folgen und ihre Lehren anzunehmen, doch wann immer er glaubte, sie habe ihn verlassen, war sie in Wirklichkeit bei ihm ("Her Orphaned Throne").
Und so träumt Ariman von der Wiederkehr der Göttin, die alle Ungerechtigkeit, alle leeren Versprechungen, alle Lügen und falschen Propheten hinwegfegen wird, so daß ein neues goldenes Zeitalter anbrechen kann ("Descending Messiah"). Mit dieser letzten Vision versinkt Ariman und taucht hinab in Cerridwen's Reich, den Garten der ewigen Träume, in dem seine suchende Seele endlich Heilung und Erlösung finden wird ("Epilogue"). Ob dies nun sein Ende ist oder er in ein neues Leben tritt, bleibt das Geheimnis des Eremiten.....
FILME
Welches sind eure Lieblingsfilme?
Sid: "Educating
Rita" mit Michael Caine und Julie Andrews, "Gladiator" von Ridley Scott,
"Ever after" mit Drew Barrymore, "Lethal Weapon" 1 - 4, "When Night is
falling" und "I've heard the Mermaids singing" (beide von Patricia Rozema"),
"Ever After" mit Drew Barrymore, "Still Crazy" mit den g�ttlichen Strange
Fruit, "Die Hard" 1 + 2 mit Bruce "Ich-mach-euch-alle- mit-'nem-Zahnstocher-platt"
Willis, "Thelma & Louise" (Susan Sarandon ist eh' klasse!), "The Rocky
Horror Picture Show" (ich z�hl' nicht mehr mit, wie oft ich den schon
gesehen hab'!), "Flashback" mit Kiefer Sutherland und Dennis Hopper, "Harold
& Maude" (Klassiker!), s�mtliche Filme von und mit Kenneth Branagh, "A
Fish called Wanda" mit John Cleese sowie alle Folgen von "Fawlty Towers",
"Monty Python live at the Hollywood Bowl", "Easy Rider" mit Peter Fonda
und Dennis Hopper, "Breaking Glass" mit Hazel O'Connor, "Forrest Gump"
(Zen-Buddhismus pur!), "Dogma" (der beste Beitrag zum Thema Christentum,
den ich kenne!), "Shrek", "Ice Age", "The Song remains the Same"
mit Led Zeppelin sowie fast alles von Laurel & Hardy und den Marx Brothers!
Dragonfly: "Still
Crazy" (One side of the music-genre...), "Almost Famous" (...and another
other one!), "Ever After" (sigh...), "Matrix" (WOW- my kinda "Reality-TV"),
"Much Ado about Nothing" (Emma Thompson and Kenneth Branagh), "Devils
Advocat" (Best Scene w. Al Pacino), "Shrek" (Go and have a good
laugh...), "Ice Age" (...and laugh even harder :-)), "StarWars
I, IV-VI", "Dogma", "Lethal Weapon I-IV", "Avengers"
(only the original series from the sixties!).
DROGEN
Hast Du Erfahrungen mit Drogen? Gab es da irgendwelche krassen Abenteuer?
Sid: Da ich in der Punk-Szene groß geworden bin, gab es zwangsläufig einige Erlebnisse mit Drogen, die sich im Nachhinein immer ganz lustig anhören - doch im Lauf der Jahre gelangte ich zu der Einsicht, daß Drogen keine Hilfsmittel sind, um sich lediglich 'nen netten Abend zu machen, sondern daß sie "Lehrerpflanzen" im schamanistischen Sinn sind: Richtig angewendet ermöglichen sie den Übergang in die Anderswelt sowie außerkörperliche Erfahrungen - doch da die Wenigsten von uns schamanistische Fähigkeiten besitzen (mich eingeschlossen) und wir darüber hinaus den richtigen und respektvollen Umgang mit Drogen verlernt haben, möchte ich den Gebrauch von Drogen in keiner Form propagieren; weder in positivem noch in negativem Sinn (Fragwürdige Kampagnen wie die "Keine Macht den Drogen"-Initiative eines Staates, der sich zu einem nicht geringen Teil über die Einnahmen aus der Alkohol- und Tabaksteür finanziert, diskreditieren sich von selbst!), noch möchte ich sie in irgendeiner Form zum Symbol eines scheinbar libertinär-alternativen Gesellschaftsmodells hochstilisieren. Wenn jemand mit Drogen klar kommt: Schön für ihn oder sie, denn es gibt genug Menschen, die das nicht können. Nach allen Erfahrungen, die ich gemacht habe, bin ich jedenfalls zu dem Schluss gekommen, daß die beste Droge noch immer ein klarer Kopf ist.
Dragonfly: So toll fand ich Kiffen nie. Es war halt bei uns auch mal "cool". Mittlerweile bin ich eine dieser penetranten Nichtraucherinnen und somit ist dieses Kapitel für mich beendet.
Allerdings habe ich mir während meiner Menstruation gegen die Unterleibskrämpfe (ja - als Medizin!) gelegentlich noch einen kleinen Spliff gegönnt.
Was anderes habe ich nicht probiert und werde ich nicht anfassen: Chemie ist Gift.
FRAUEN
Was hältst Du von emanzipierten Frauen?
Sid: Ich fürchte, mit dem Emanzipationsbegriff wird mittlerweile viel Schindluder getrieben: Wenn sich das Verständnis von Emanzipation lediglich darauf beschränken sollte, daß Frauen meinen, den gleichen Blödsinn wie Typen machen zu müssen (z. B. zur Armee gehen), läuft da meiner Ansicht nach etwas schief. Bedeutet Emanzipation jedoch, daß Frauen sich nicht mehr von Männern unterbuttern lassen und selbsbewußt und stolz ihren eigenen Weg gehen, Stärke zeigen und ihr Leben unabhängig von patriarchalen Normen selbstbestimmt in die Hand nehmen, dann kann ich das nur begrüßen: Solche Frauen sind mir äußerst sympathisch! Ich könnte mir jedenfalls nicht vorstellen, in einer Partnerschaft mit einer Frau zu leben, die dem traditionellen Rollenmodell verhaftet ist, denn gerade in einer Beziehung ist es wichtig, daß zwei gleich starke bzw. gleichwertige Individuen aufeinander treffen!
Dragonfly: Na - was soll ich von emanzipierten Frauen halten? Ich bin eine, also find ich die staaaaark! Allerdings habe ich das Gefühl, dieser Planet ist noch reichlich unterbevölkert mit unserer Spezies. Zu Emanzipation gehört eben auch Zusammenhalt unter Frauen und das scheint mir leider noch eines der schwierigeren Themen zu sein. Solange ich aus Frauenmund noch "Emanze!" mit dem abfälligsten Unterton höre, ist noch viel zu tun...
"Goodbye to Jane" von eurem ersten Album "Cantara Anachoreta" behandelt ein Thema, das laut Statistik jedes 7. Kind in Deutschland betrifft. Es ist mir unbegreiflich, wie sich Väter in dieser Weise an ihren eigenen Kindern vergehen können. Glaubt ihr, daß es eine Möglichkeit gibt, diese Mißstände einzudämmen?
Sid: Ich glaube nicht, daß sich unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen in Bezug auf die sogenannten Sexualdelikte - egal, ob Kindesmißbrauch oder Vergewaltigung - im positiven Sinne etwas ändern wird, denn dies sind systemimmanente Auswüchse einer auf männlichen Wertvorstellungen beruhenden Gesellschaftsform. Bereits eines der Grundlagenwerke des abendländischen Patriarchats, die Bibel, rechtfertigt die alleinige Verfügungsgewalt der Väter über ihre Kinder: So bestimmt z. B. ein Vater seine Tochter zum gottgefälligen Opfer einer Massenvergewaltigung (Richter 19.24); eine weitere Vaterfigur, Abraham, ist auf Gottes Anweisung hin ohne zu zögern bereit, seinem Sohn Isaac die Kehle durchzuschneiden (1. Mose 22.ff), und schließlich ist da noch dieser ominöse Gott selbst, der im Neuen Testament seinen angeblichen Sohn Jesus einem qualvollen Foltertod preisgibt - wahrhaft beeindruckende Beispiele eines patriarchalen Verständnis' von Vaterliebe!
Daher erscheint mir die erfolgreiche Bekämpfung von Kindesmißbrauch und Vergewaltigung ohne eine radikale Infragestellung der patriarchalen Gesellschaftsordnung an sich unmöglich - es gilt nicht, die Symptome auszumerzen, sondern das Übel an der Wurzel zu packen! Wieviel die körperliche und seelische Unversehrtheit einer Frau oder eines Kindes in unserer Gesellschaft wert ist, läßt sich schon daran erkennen, daß ein Bankraub ohne Körperverletzung oftmals ein höheres Strafmaß für den Täter nach sich zieht, als das bei Vergewaltigung oder Kindesmißbrauch der Fall ist. Hinzu kommt, daß eine Frau, die sich gegen den Versuch einer Vergewaltigung so zur Wehr setzt, daß der Täter dabei zu Schaden kommt, selbst noch mit Strafverfolgung zu rechnen hat.
Darüber hinaus erlauben die legale Existenz von Pornographie und Prostitution sowie religiös-moralisch begründete Diskriminierungsmechanismen jedem Mann, sich die Verfügungsgewalt über eine Frau bzw. Mädchen anzumaßen - und wieso sollte diese vermeintliche männliche Omnipotenz ausgerechnet vor der eigenen Tochter halt machen?
Findet ihr, daß in Hinsicht auf das Thema Kindesmißbrauch, das ihr in eurem Song "Goodbye to Jane" ansprecht, unser Rechtssystem versagt, da die Häufigkeit dieser Fälle scheinbar mehr und mehr zunimmt?
Sid: Die Justiz an sich ist eigentlich das falsche Mittel, um solchen Auswüchsen entgegenzusteuern, da jede Form von Rechtsprechung immer erst da ansetzt, wo das Kind sozusagen schon in den Brunnen gefallen ist. Natürlich muß ein Täter seiner gerechten Strafe überführt werden, doch noch besser wäre es, wenn unsere Gesellschaft eine solche wäre, in der solche Taten erst gar nicht vorkommen...Doch abgesehen davon kommt es mir schon so vor, als ob oftmals Täterschutz vor Opferschutz geht: Es ist zwar wichtig, die Frage nach den Ursachen der Tat zu stellen, doch dies darf niemals dazu führen, das Opfer aus den Augen zu verlieren, denn in erster Linie muß diesem Gerechtigkeit widerfahren, falls dies überhaupt noch möglich ist!
Dragonfly: Ich mache an diesem Punkt den hierzulande üblichen Umgang mit Pornographie zum Thema - der legale Verkauf pornographischer Produkte wirkt in keinem Fall abschreckend auf (mögliche) Vergewaltiger. Oder, wie es Andrea Dworkin formulierte: "Pornographie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis!" - hier wäre ein NEIN aller Frauen angesagt und notwendig, um diese Art Zeitschriften oder Filme ganz sterben zu lassen! Leider gehört es unter Frauen, die von sich als "emanzipiert" sprechen und angeblich ihre "Sexualität frei leben" dazu, diese Filme/Zeitschriften zumindest zu tolerieren. Dadurch werden wir von Männern nicht als gleichwertig respektiert - und schon sind wir bei einem ausschlaggebenden Punkt: Offensichtlich hat der Mann vor allem Leben - egal, ob es sich dabei nun um Frauen oder Kinder handelt - keinen Respekt. In der Zeit der Amazonen und in Matriarchaten wäre wohl auf eine solche Tat mit Ausstoß aus der Gesellschaft und einer Kennzeichnung, erkennbar für jede(n), reagiert worden - ob er seinen Lingam behalten hätte, wage ich zu bezweifeln. Allerdings sind Vergewaltigungen in matriarchalen Gesellschaften nahezu unbekannt- das Verhältnis zum Leben, den Mitmenschen und zur Sexualität ist/war ein anderes und somit der Gedanke an bzw. der perverse Wunsch nach sexuellem Mißbrauch gar nicht vorhanden.
LIEBE
Viele eurer Songs beschäftigen sich mit der Liebe, dem Leben und dem Tod. Wie denkst Du über diese Dinge?
Sid: Gute Frage....Leben ist für mich gleichbedeutend mit Liebe, denn ein Leben ohne Liebe erscheint mir doch ziemlich sinnlos. Liebe wiederum ist das wunderbarste Geschenk und überwältigendste Gefühl, das ich mir vorstellen kann: Ich verdanke der Liebe die schönsten, doch gleichzeitig auch die schmerzhaftesten Momente meines Lebens - und an dieser Stelle kommt unvermeidlicherweise auch der Tod ins Spiel....
Dennoch empfinde ich das Leben als ein Geschenk; und selbst, wenn ich mich in den Untiefen, die das Leben ab und an mit sich bringt, alles andere als gut fühle, gehören die dunklen Momente ebenso dazu wie die lichten. Der Tod ist dabei ein natürlicher Bestandteil des Lebens, und ich finde es bedauerlich, daß er in unserer westlichen Zivilisation im Lauf der Jahrhunderte mit so viel Angst, Furcht und Tabus belegt wurde, anstatt ihn als integralen Bestandteil der Existenz zu begreifen.
Vor dem Tod selbst habe ich keine Angst, lediglich vor einem schmerzhaften Sterben - oder vor einem Sterben in einer anonymen, sterilen Klinik, anstatt in den letzten Stunden von geliebten Menschen umgeben zu sein.
Was das Leben in meinen Augen mitunter so schwierig macht, ist der Umstand, daß so viele unvorhergesehene Dinge eintreten können, was an sich ja eher erfreulich als belastend wäre; doch daß eben selbst das, was man für unvergänglich hält, plötzlich ein unvorhersehbares Ende nehmen kann. Der daraus resultierende Schmerz, die Trauer über ein verlorenes Glück, können schrecklich sein und es nahezu unmöglich machen, dem Leben noch etwas Positives abzugewinnen. Und obwohl ich die Ansicht vertrete, daß man sich oder dem Schicksal immer noch eine Chance zubilligen sollte, kann ich Menschen, die aus einer solchen Krisensituation heraus entschieden haben, ihrem Leben ein Ende zu setzen, durchaus verstehen: Niemand kann wirklich nachempfinden, wie sehr ein bestimmter Schmerz oder eine bestimmte Notlage einem anderen Menschen zusetzt. Selbstverständlich birgt jede Krise auch ein ungeheures Wachstumspotential für den Betroffenen in sich, doch man kann eben auch daran zerbrechen.....
Dragonfly: Es gibt zwei große Lieben in meinem Leben: Mary und Sid. Das ist mehr als ich vor nicht allzu langer Zeit noch erwartet hätte. Ich bin kein Mensch, der einfach Freundschaften "pflegt", sondern liebe die Menschen, die ich um mich haben möchte. Leben heißt für mich Lachen und sagen können "ich mag meinen Weg", kreativ sein ist für mich Leben und bewußt einen Tag erleben können. Und mit einem guten Glas trockenem Rotwein und einer Tafel meiner Lieblingsschokolade im Bett liegen- das ist auch Leben.
Das Schönste allerdings ist Zweisamkeit: Seelengefährten, die sich endlich fanden.
Vor dem Tod habe ich keine Angst. Nur geliebte Menschen genommen zu bekommen, stelle ich mir extrem hart vor; wie ich mit diesem Verlust umgehen würde, möchte ich mir, ehrlich gesagt, gar nicht vorstellen.
VISIONEN
Welche Wünsche/Ziele/Träume hast Du Dir für die Zukunft gesetzt? Was möchtest Du davon unbedingt erfüllen? Und bei was bist Du Dir sicher, daß es Träume bleiben werden?
Sid: Mit Dragonfly gemeinsam bis ans Ende unserer Tage zusammen zu leben - und gegen ein nettes kleines Häuschen an der Küste von Cornwall hätten wir in diesem Zusammenhang auch nichts einzuwenden! Ich hoffe schwer, daß das nicht nur ein Traum bleibt....
Dragonfly: Es wird kein Traum bleiben!
TOD
Was hältst Du von Menschen, die es nicht beim Nachdenken über Selbstmord belassen, sondern dies erfolgreich in die Tat umsetzen? Bist Du auch (wie ich) der Meinung, daß jeder (!) Mensch in seinem Leben Situationen erlebt, in denen er sich mehr oder weniger damit befaßt?
Sid: Ich kann und will nicht über andere Menschen urteilen, doch ich denke, daß es für jeden Menschen eine jeweils individuell unterschiedlich definierte Schwelle des Schmerzes gibt, die, wenn sie überschritten wird, auch Selbsttötung oder zumindest den Gedanken daran nach sich ziehen kann. Diese "Schmerzgrenze" als Außenstehender definieren oder bewerten zu wollen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, weil das Ausmaß der jeweils schmerzverursachenden Situation von jedem Menschen anders empfunden wird - wenn man selbst nicht darin steckt, kann man sich u. U. gar nicht vorstellen, was der betroffene Mensch da gerade durchmacht.
PERFUME
Das nunmehr dritte Album von Antichrisis zeigt die Band doch stark gewandelt. Weg vom ehemaligen Folk-Rock/Metal hin zu eher modernen Sounds, inklusive vieler elektronischer Elemente. Wie kam dieses Wandlung zustande, was war euch dabei am wichtigsten?
Dragonfly: Ich habe nicht das Gefühl, dass wir "weg vom ehemaligen Folk-Rock" gehen - wir flechten lediglich, so wie auch schon beim 2. Album, neue Elemente mit ein. Dadurch wandelt sich lediglich der Ausdruck, der Schwerpunkt wird verlagert, und das ist ja auch Sinn der Sache. Weshalb sollte man ein- und dasselbe Album zweimal machen?
Sid: So sehe ich das auch - wir haben lediglich unsere musikalische Basis erweitert und ausgebaut, was eigentlich eine ganz normale künstlerische Entwicklung sein sollte: Wir sind stets offen für Experimente, und wenn sich diese in Form guter Songs niederschlagen, setzen wir sie auch um. Dies war somit der einzige Bewertungsmassstab, den bei den Vorbereitungsarbeiten für "Perfume" anlegten: Betreiben wir hier Experimente um des Experiments willen, oder entwickeln sich daraus schlüssige Songs, die unsere Gefühle bestmöglich zum Ausdruck bringen und die dennoch neue musikalische Bereiche eröffnen? Daher empfinde ich "Perfume" weniger als Wandlung, sondern vielmehr als konsequente Weiterentwicklung - und das war schon immer eines der charakteristischen Markenzeichen von Antichrisis.
Wie war die Situation, nachdem klar wurde, dass Elizabeth nicht mehr für euch singen würde? War für euch klar, dass ihr weiterhin mit einer Sängerin arbeiten wollt? Wie kamt ihr zu eurer neuen Sängerin "Dragonfly" und wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym?
Näx: Dass zu der Musik von Antichrisis eine Frauenstimme gehört und dass dies auch so bleiben würde, war ja von vornherein klar. Da hat es schon gepasst, dass zu der personellen Veränderung auch musikalisch wieder etwas Neues auftat, so wie es schon immer bei Antichrisis üblich war. Also wurde beides miteinander verbunden und die neuen Stücke auf die neue Sängerin abgestimmt. Im übrigen bin ich mir aus den verschiedensten Gründen sicher, dass Dragonfly bei Antichrisis bleiben wird.
Sid: Ich lernte Dragonfly zufällig über einen befreundeten Gitarristen kennen - und da wir schon sehr bald viele musikalische Gemeinsamkeiten entdeckten, wollten wir einfach einmal den Versuch wagen, ob Dragonfly's Stimme, die stark von ihrem Blues- und Jazz-Background geprägt ist, zu Antichrisis passen würde: Und siehe da - es funktionierte blendend. Ohne Dragonfly's musikalische Wandlungsfähigkeit und Ausdruckskraft wäre die Umsetzung von "Perfume" in der vorliegenden Form wohl gar nicht möglich gewesen, da das neue Material eine enorme stimmliche Bandbreite erfordert...
Dragonfly: Antichrisis ohne Sängerin ist nicht Antichrisis - der weibliche Part in den Stücken ist ein wichtiger, daher war es wohl nie eine Frage, ob oder ob nicht - so oder so, denn als NapalmRecords an uns herantrat mit dem Angebot, eine Europatour zu machen und Lisa nicht abkömmlich war, haben wir uns entschlossen, es "miteinander zu versuchen" - und siehe da: es läuft wunderbar! Was das "Pseudonym" Dragonfly betrifft: es ist keines! Ich habe mir diesen Namen bewusst ausgesucht. Nenn' es von mir aus einen "Künstlernamen", wenn Dir die Akzeptanz so leichter fällt. Es verbirgt sich auch niemand dahinter: Es ist die weibliche Stimme auf "Perfume"...enjoy!
Zudem fällt auf, dass die neuen Stücke weniger melancholisch ausgefallen sind als noch auf "Legacy of Love", was auch sicher mit der damals doch schweren Materie des Trennens zusammenhing. Hatte das Werk für euch die gewünschte katalytische Wirkung? Daher der etwas beschwingtere Klang des neuen Albums?
Näx: Klar: Katalysator, Beschwingtheit, Musik, Wirkung = Platin-CD....Was sonst?
Dragonfly: Der beste Ausdruck eines Stückes gelingt, wenn ich wirklich fühle, was ich da singe bzw. spiele - und was sollte dann leichter fallen, als das eigene Lebensgefühl auszudrücken - und "beschwingt" könnte ein Teil davon sein, ja!
Sid: Die Arbeit an einem Album kann zwar helfen, die eigenen Gefühle zum Ausdruck zu bringen, so wie dies schon bei "A Legacy of Love" und "Cantara Anachoreta" der Fall war, doch die eigentliche Katharsis setzt erst mit dem nötigen zeitlichen Abstand ein: Manche Verarbeitungsprozesse brauchen eben ihre Zeit! Somit hatten die beiden ersten Antichrisis-Alben eine Art Tagebuch-Funktion: Ich dokumentierte mit den Songs meine eigenen Gefühle, um ihnen so Gestalt zu verleihen... "Perfume" ist allerdings definitiv das erste Antichrisis-Album, auf dem ich als Songwriter keine Vergangenheitsbewältigung leisten musste, sondern mich völlig auf das Hier und Jetzt konzentrieren konnte - daher auch die kraftvollere und zuversichtlichere Grundstimmung des Albums. Darüber hinaus war es mir wichtig, Antichrisis auch einmal von einer anderen Seite zu zeigen, die in der Vergangenheit zu kurz kam: Nämlich als eine Band, die durchaus zu grooven versteht und deren Songs zum Tanzen geeignet sind...
Ehrlich gesagt hab ich mich mit dem Sprechgesang im dem Stück "Like the stars" schwer getan und fand das ganze eher deplatziert. Wie kam es dazu, waren die meisten Reaktionen ähnlich meiner oder gab es auch positive Stimmen? Findet ihr nicht, dass der "Gesang" eher nach einem Dancefloor-Act klingt?
Dragonfly: 100 von 100 möglichen Punkten: Es IST ein "Dancefloor-Act"!
Näx: Ich finde es nicht verwerflich, wenn zu grooviger Musik ein wenig gerappt wird. Long live Grandmaster Flash and The Furious Five! Immerhin ist Rap die extremste Form, Sprache zu rhythmisieren, von Reinhard Mey's genialen Reimereien mal abgesehen. O.k., Antichrisis ist keine echte Gangsta Rap Crew, aber Tic Tac Toe ist das schlie§lich auch nicht - Ahämm, 'tschuldigung...
Sid: Ich kann mich für viele unterschiedliche Musikstile begeistern - es zählt nur, ob ein Song gut oder schlecht ist, und nicht, welcher musikalischer Stilmittel er sich bedient...und ich sehe mir tausendmal lieber einen guten Gig der "Fantastischen Vier" an, als mir den xten Aufguss des immer gleichen, mittlerweile völlig zur leeren Pose erstarrten Gothic-Metal-Konzepts anzutun! "Like the Stars" ist nun mal ein Dancefloor-Song und verlangte daher auch nach dem Einsatz der entsprechenden Stilmittel. Wenn ich die Idee für einen Song habe, frage ich niemals danach, welche musikalischen Ausdrucksformen ich dabei zum Einsatz bringen darf und welche nicht - eine solche Form der Selbstzensur wäre der Tod meiner Musik! Ich war zugegebenermassen zunächst selbst überrascht, als ich während der Vorproduktion feststellte, dass "Like the Stars" mit dem Sprechgesang in den Strophen am besten funktioniert, und ich stellte fest, dass es keine leichte Aufgabe ist, einen Text zu schreiben, der sich streng nach dem Diktat von Rhythmik, Versmass und Reimschema zu richten hat. Im übrigen sind die meisten Leute, die "Perfume" bislang gehört haben, der Ansicht, dass wir "Like the Stars" unbedingt als Single auskoppeln sollten...
Wie kamt ihr darauf "Whole Lotta Love" zu covern?
Näx: Wie Sid, das ist ein Cover? Und ich hatte gedacht, Du hättest...
Sid: Mann, ich hab's Dir doch schon tausendmal erklärt: Eines Nachts erschien mir John Bonham im Traum und forderte mich auf, den Song neu aufzunehmen, weil Led Zeppelin während der Aufnahmen für "The Song remains the same" zu bekifft waren, um ihn richtig einzuspielen...
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