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Ursprünglich
war Antichrisis lediglich ein Ein-Mann-Projekt, meint
Sid, der die Band vor 4 Jahren gründete: Ich arbeitete
damals an einer sehr eigentümlichen Verbindung aus Doom-,
Gothic- und Folk-Elementen , wobei ich auch Anleihen der klassischen
Musik mit einbeziehen wollte: In Anbetracht des Umstands, dass
mir zu diesem Zeitpunkt lediglich ein 8-Spur-Cassettendeck, 2
Gitarren, 1 Bass, ein kleiner Alesis-Drumcomputer sowie ein Billigkeyboard
mit nur einem Streichersound zur Verfügung standen, ein recht
ehrgeiziges Unterfangen, das dennoch von Erfolg gekrönt
war: Innerhalb weniger Monate entstand auf diese Art und Weise
mit Unterstützung einer Gastsängerin das 80-minütige
(!) Demo Missa Depositum Custodi, das in einer Auflage
von 500 Stück veröffentlicht und in Underground-Kreisen
schnell begeistert aufgenommen wurde.
Das Demo war aufgrund der positiven Besprechungen in vielen
Fanzines schon kurz nach seiner Veröffentlichung Anfang 1996
vergriffen und führte zu Vertragsverhandlungen mit verschiedenen
Independent-Labels, wobei ich mich für das Angebot der damals
gerade neugegründeten Firma Ars Metalli entschied:
Es war zwar nur ein kleines Label mit beschränkten finanziellen
Möglichkeiten, doch wurden mir alle künstlerischen Freiheiten
zugesichert, was für mich eine absolute Grundvoraussetzung
darstellt!
Schon im September 96 fanden dann die Studioaufnahmen für
das Debütalbum Cantara Anachoreta in einer Turnhalle
eines kleinen märkischen Dorfes statt. Sid - der damals noch
(angeregt durch einen gleichnamigen Cat Stevens-Song)
unter dem
Pseudonym Moonshadow auftrat - spielte das Album mit Hilfe
der schon auf dem Demo vertretenen Sängerin Willowcat in
nur 14 Tagen ein. Es war eine äußerst merkwürdige
Situation, erläutert Sid: Gleich neben der Turnhalle
befand sich ein Kindergarten, so dass wir Nachmittags, wenn die
Kleinen Mittagsruhe hatten, eine Zwangspause einlegen mussten.
Dafür konnten wir während der regulären Öffnungszeiten
des Kindergartens keinerlei Mikrofonaufnahmen machen, weil die
Nebengeräusche der spielenden Kids unweigerlich auf dem Band
gelandet wären. So blieben uns zum Arbeiten eigentlich nur
die Abend- und Nachtstunden. Eigentlich die optimale Arbeitszeit
für ein Gothic-Album, oder? Ich habe Antichrisis
nie als eine Gothic-Band konzipiert, entgegnet Sid: Mir
ging es immer um Musik um ihrer Selbst willen, nicht um irgendwelche
stilistischen Limitierungen! Als Cantara Anachoreta entstand,
befand ich mich gerade in einer ziemlich bedrückenden Situation
in Hinblick auf mein Privatleben - und ich konnte meinen Gefühlen
zu diesem Zeitpunkt durch diese langsame, melancholische aber
streckenweise auch wütende und anklagende Musik am Besten
Ausdruck verleihen - und das ist es auch, worum es mir bei Antichrisis
immer geht: Meinen Gefühlen auf bestmögliche Art und
Weise Ausdruck zu verleihen, unabhängig von irgendwelchen
formalen oder stilistischen Beschränkungen! Ich höre
und liebe so viele unterschiedliche Arten von Musik, dass ich
mich niemals auf lediglich eine Spielart einschränken möchte
- ein Maler arbeitet ja im Regelfall auch mit mehr als nur einer
Farbe! Darüber hinaus war es von Anfang an meine Absicht,
jede Produktion von Antichrisis in anderer Gestalt zu präsentieren:
Es wäre doch furchtbar langweilig, dasselbe Album zwei mal
aufzunehmen, oder? Wenn ich meiner Musik keine neuen Aspekte hinzufügen
kann, besteht für mich einfach keine Notwendigkeit, eine
neue Platte einzuspielen! Ein durchaus lobenswerter Grundsatz,
an dem sich solch notorische Wiederholungstäter wie AC/DC
schon lange ein Beispiel nehmen sollten...
Cantara Anachoreta erschien mit einiger Verzögerung
im Januar 1997 und wurde von der Presse mit Lobeshymnen geradezu
überschüttet - für eine bis dato unbekannte Band,
die weder durch Live-Aktivitäten noch durch aufwendige Werbekampagnen
von sich reden machte, eine erstaunliche Leistung: Selten zuvor
hatte das Debüt einer Newcomerband schon eine solch unverwechselbare
und prägnante Handschrift erkennen lassen - und ebensowenig
hatte eine Band davor derartig viele unterschiedliche musikalische
Einflüsse auf so souveräne und organische Art und Weise
miteinander verflochten. Dafür, dass Cantara Anachoreta
lediglich mit einem 16-Spur-Bandgerät und einem Drumcomputer
in 14 Tagen aufgenommen und abgemischt worden war, klang das Resultat
gar nicht übel. Nur dass Antichrisis von der
gesamten Fachpresse gleich in die Gothic-Schublade gesteckt wurde,
schmeckte Sid überhaupt nicht. Nichtsdestotrotz weckte der
Erfolg des Debütalbums das Interesse anderer Plattenfirmen,
und so blieben diesbezügliche Anfragen nicht aus.
Zum damaligen Zeitpunkt gab es einige gravierende Einschnitte
in meinem Leben, erläutert Sid: Eine langjährige
Beziehung brach unerwartet auseinander, ein darauf folgender 3-monatiger
Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik; die Erfahrung, plötzlich
ohne Job und Wohnung dazustehen - ich hatte innerhalb kürzester
Zeit mehr als genug Inspirationsmaterial für ein neues Album
zusammen! Doch diese Veränderungen brachten auch etwas Gutes
mit sich: Als ich dann endlich aus der Psychiatrie herauskam und
eine neue Wohnung gefunden
hatte, stellte ich fest, dass gleich ein paar Häuser weiter
jemand des öfteren bei offenem Fenster verdammt gut Dudelsack
spielte - und durch diesen Zufall stieß ich auf Näx!
Diese Begegnung erwies sich im Nachhinein als ein absoluter Glücksgriff:
Schon zuvor hatte die Musik von Antichrisis Folk-Elemente
miteinbezogen, doch traten sie durch die bis dato konventionelle
Instrumentierung der Band nicht so stark in den Vordergrund. Doch
mit Näx, der neben dem Dudelsack auch noch eine ganze Menge
anderer folkloristischer Instrumente beherrscht und der nach dem
ersten Kennenlernen sofort Feuer und Flamme für das von Sid
dargelegte musikalische Konzept von Antichrisis war, kam eine
völlig neue Klangfarbe ins Spiel! Endlich konnte ich
viele der Sounds einsetzen, die mir für meine Musik immer
vorgeschwebt hatten. Zuvor musste ich auf solche Klänge stets
verzichten: Zwar hätte ich auch irgendwelche vergleichbaren
Keyboardsounds verwenden können, doch was akustische Instrumente
angeht, bin ich Purist - kein noch so gutes Keyboard kann z. b.
mit der tonalen Ausdrucksfähigkeit der Uilleann Pipes mithalten!
Hinzu kam, dass ich mich mit Näx von Anfang an blind verstand:
Ich musste ihm nie irgendwelche Parts vorgeben, sondern spielte
ihm lediglich die Basis-Tracks vor, erklärte ihm, an welcher
Stelle meiner Ansicht nach die Pipes einsetzen sollten, und in
Nulkommanichts schüttelte er dann das dazu passende Motiv
aus dem Ärmel, lobt Sid seinen Mitstreiter.
Somit blieb als einziges Problem die Sache mit der Sängerin,
denn Sid wollte definitiv nicht mehr mit Willowcat zusammenarbeiten:
Sie war lediglich eine Gastsängerin, die weder an einer
langfristigen Kooperation interessiert war noch die dafür
notwendige Professionalität mitbrachte. Doch nun, im
Frühjahr 1998, stand - diesmal unter der Flagge des österreichischen
Labels Napalm Records/Black Rose Productions - die Produktion
eines neuen Albums an, und noch war kein Ersatz gefunden worden.
Viele meiner Songs sind wie Theaterstücke aufgebaut,
in dem die Protagonisten unterschiedliche Rollen einnehmen - und
eine weibliche Stimme gehörte für mich daher zum Konzept
von Antichrisis unbedingt dazu. Ich hielt zwar immer Ausschau
nach einer passenden Sängerin, doch die Suche gestaltete
sich weitaus schwieriger, als Näx - der mittlerweile zum
festen Bandmitglied geworden war - und ich dachten: Wir waren
in der blöden Situation, dass das Material für das neue
Album schon längst fertig geschrieben und arrangiert war,
wir jedoch keine dazu passende Sängerin hatten! Glücklicherweise
konnte Napalm Records mit Lisa eine Kandidatin vermitteln, die
kurz vor Studiobeginn die Demo-Tapes zugeschickt bekam und während
der Produktion des Nachfolgealbums A Legacy of Love, die
im April/Mai 1998 über die Bühne ging, zu Sid und Näx
hinzustieß. Mit A Legacy of Love wollte ich
Antichrisis aus der Schublade holen, in der die Band durch
das Debütalbum von der Presse leichtfertig abgelegt worden
war. Zwar finden sich auch auf diesem Album noch einige Metal-Elemente,
doch stellen sie lediglich ein Stilmittel unter vielen anderen
dar. In meinen Augen ist A Legacy of Love in erster Linie
ein wunderschönes Folk-Pop-Album geworden, das mit Nightswan,
Our Last Show oder auch Forever I Ride sogar einige
radiotaugliche Hits am Start hatte!
Wenn man bedenkt, dass der Spanier Hevia gut ein Jahr nach
Veröffentlichung von A Legacy of Love mit dem Titel
Busindre Reel in die deutschen Charts einstieg, verwundert
es doch, dass Antichrisis z. B. mit Baleias Bailando
nicht ein ähnlicher Wurf gelang; und auch bei näherer
Betrachtung der Erfolge von Künstlerinnen wie Heather
Nova oder Alanis Morissette stellt sich die Frage,
weshalb ein Song wie Our Last Show, der auf geniale Weise
sowohl Massentauglichkeits-Appeal als auch emotionale Eindringlichkeit
beider Interpretinnen miteinander verbindet, ohne dabei abgekupfert
zu wirken, weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit im
Äther verschwand. So mussten sich Antichrisis trotz
eines genialen Zweitlings weiterhin mit dem Status von Kritikerlieblingen
bzw. eines Geheimtips begnügen: Im Musikgeschäft spielt
eben auch das nötige Quentchen Glück immer eine gewichtige
Rolle...
Im Frühjahr 1999 folgte dann eine Tour, die Antichrisis
gemeinsam mit Tristania, The Sins of Thy Beloved,
Siebenbürgen und Trail of Tears quer durch
Europa führte. Ich war mir im Klaren, dass diese Tour
nicht unbedingt der richtige Rahmen für Antichrisis
sein würde, denn in diesem Gothic-Package waren
wir eindeutig die krassen Außenseiter: Ich meine, wir waren
definitv die einzige Band auf der Tour, die sich vor ihrem Auftritt
nicht schminken mußte, erklärt der Multiinstrumentalist
augenzwinkernd. Erschwerend kam hinzu, dass Näx nicht
zur Verfügung stand, weil er durch sein Studium verhindert
war. So sah ich mich gezwungen, die Songs umzuarrangieren, damit
wir sie mit Hilfe eines Tourgitarristen, eines Session-Schlagzeugers
und eines vorprogrammierten Sequencers live präsentieren
konnten. Gleichzeitig stellte die Tour die Feuertaufe für
die kurz zuvor neu hinzugekommene Sängerin Dragonfly dar,
die diese schwierige Aufgabe mit Bravour löste und somit
ein weiteres festes Bandmitglied wurde. Ihre Stimme passt hervorragend
zu Antichrisis, da sie nicht nur auf einen bestimmten Gesangsstil
festgelegt ist, sondern eine Vielzahl unterschiedlichster stimmlicher
Charaktere darstellen kann: Ohne ihre stimmliche Ausdruckskraft
und Wandlungsfähigkeit wäre die Umsetzung des musikalischen
Konzepts für unser bevorstehendes drittes Album kaum möglich
gewesen!
So wurde die Tour nicht nur genutzt, um A Legacy of Love
im Nachhinein zu promoten, sondern auch, um dem Publikum das neue
Songmaterial, an dem Sid mittlerweile gearbeitet hatte, vorzuführen.
Mir schwebte für das dritte Album wieder ein neues
Klangbild vor:Dancefloor-Grooves sollten sich mit harten Gitarren
und Folk-Elementen verbinden - und vor allem sollte es verdammt
basslastig werden! Nachdem die beiden vorangegangenen Alben aus
der Erfahrung seelischer Entwurzelung und emotionaler Zerrissenheit
entstanden, wollte ich nun eine ganz andere Seite von Antichrisis
zeigen; eine, zu der die Leute tanzen könnten. Und da die
neuen Songs live erstaunlich gut ankamen, war ich schon gespannt,
was wir in der mittlerweile stabilen Dreierbesetzung im Studio
wohl daraus entstehen lassen könnten, wo Antichrisis
sich dann auch im Spätsommer des Jahres 2000 wiederfanden.
Erneut ging man in Jens Bachmanns Blue House Studio nach
Meerane, da sich diese Zusammenarbeit bereits bei A Legacy
of Love bestens bewährt hatte. Dort entstand unter Mitwirkung
weiterer Gastmusiker das vorerst letzte und gleichzeitig stärkste
Album der Band, das auch - zum ersten Mal in der Geschichte von
Antichrisis - mit Whole Lotta Love eine Coverversion enthält.
Wie kam es zu der Entscheidung, ausgerechnet diesen Klassiker
der Rockgeschichte neu zu interpretieren? Nun, zum Einen
halte ich Led Zeppelin für eine großartige
Band, die in ihren besten Momenten wie eine gigantische Groovemaschine
loswalzte - nicht umsonst handelt es sich bei Puff Daddys
bislang bestem Song Come with me lediglich um ein Remake
von Kashmir - und zum Anderen wollte ich den übersteigerten
Machismo, der in Whole Lotta Love zur Schau gestellt wird,
persiflieren, indem der Song von einer Frau vorgetragen wird...
quasi die Bloßstellung des Patriarchats ohne erhobenen Zeigefinger!
Da einer alten Branchenweisheit zufolge das dritte Album für
jede Band das Make it or break it-Album darstellt,
fragt es sich , ob Sid die Sache ähnlich sieht: Natürlich
sind wir uns der Wichtigkeit des dritten Albums bewusst, und ich
denke, dass uns in dieser Hinsicht mit Perfume der Durchbruch
gelingen könnte. Das Album wirkt in seiner Gesamtheit äußerst
kompakt, es groovt wie die Hölle und spricht ein breites
Publikum an: Songs wie Like the Stars, Goodbye to Jane
oder Wasteland könnten sich mit dem entsprechenden
Airplay jederzeit in die Charts verirren, während sich zu
Nummern wie Hole in my Head oder Whole Lotta Love
in jeder Rock-Disco die Tanzfläche füllen lassen dürfte.
Um ein breiteres Publikum zu erreichen, verlassen wir uns mittlerweile
auch nicht mehr lediglich auf die Aktivitäten der Plattenfirmen,
sondern setzen verstärkt
auf das Internet: Obwohl Perfume noch nicht
veröffentlicht ist, haben wir schon seit Wochen Auszüge
aus dem Album auf unserer Website www.antichrisis.de
zum Download bereit gestellt; eine Aktion, die von unseren Fans
begeistert aufgenommen wurde. Man sollte die Möglichkeiten,
die das Internet diesbezüglich bietet, zwar nicht überschätzen,
doch es stellt ein breitenwirksames, kostengünstiges und
vor allem leicht aktualisierbares PR-Instrument dar, das aus modernen
Vermarktungsstrategien nicht mehr wegzudenken ist: KünstlerInnen
wie David Bowie oder Madonna sind diesbezüglich
meiner Ansicht nach absolut auf dem richtigen Weg. Mit deren Web-Präsenz
können wir natürlich noch nicht gleichziehen, doch ich
kenne kaum eine andere Band, die so regelmäßig ihre
Website aktualisiert, wie wir dies tun. Gleichzeitig gibt uns
das Medium Internet die Möglichkeit, unser Erscheinungsbild
und Auftreten nach außen zu kontrollieren. Wie auch immer:
Mit dem entsprechenden Support im Rücken glaube ich, dass
uns mit Perfume ein großer Schritt nach vorne möglich
ist - und mittlerweile schreibe ich weiter an neuem Material für
unsere nächste Veröffentlichung.
So lange Sid als Songwriter auch weiterhin keinen Ermüdungserscheinungen
zu unterliegen scheint, brauchen wir uns um die Zukunft von Antichrisis
definitiv keine Sorgen zu machen - und wer sich selbst davon überzeugen
möchte, dass Antichrisis immer für positive Überraschungen
gut sind, kann sich über http://www.antichrisis.de
(-> Download Area -> MP3-Files) einen ersten
Höreindruck des bevorstehenden Albums verschaffen, das Antichrisis
endlich den Status erringen könnten, den diese Band schon
lange verdient hat.
Guy
Ulvåeus
Antichrisis
Discography:
1995 Missa
Depositum Custodi (Demo)
Sid: all instruments, vocals
Willowcat: vocals
1997 Cantara Anachoreta (Ars Metalli -
Rough Trade)
Sid: all instruments, vocals
Willowcat: vocals
1998 A Legacy of Love (Napalm Records/Black
Rose Productions - SPV)
Sid: guitars, bass, keyboards, percussion, drum
programming, vocals
Näx: uilleann pipes, flutes, keyboards,
guitars, mandoline, bodhran
Lisa: vocals
Gnu: lead guitar, backing vocals
Waran: keyboards
2001 Perfume (Napalm Records/Black Rose
Productions - SPV)
Sid: guitars, bass, keyboards, drum programming,
vocals
Dragonfly: vocals, percussion, keyboards
Näx: uilleann pipes, flutes
Gnu: guitars
Waran: keyboards, drum loops
Kugator: drums
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